Was machen die Nordhessen an Ostern?

Kullern, schieben, schleudern oder werfen Sie? Oder sind Sie gar der Typ Eier dotzen? Auf eine ganze Fülle an Varianten der Eierbehandlung stößt man auf der Suche nach nordhessischen Osterbräuchen. Dabei stellt sich schnell heraus, dass es zwar lokale Ausprägungen gibt, aber sicherlich inzwischen kaum mehr etwas, was nur die Nordhessen ihr Eigen nennen bzw. was vermeintlich lokal ist, aber gar nicht von allen praktiziert wird. Nehmen wir da als herausgehobenes Beispiel den Ostereierwurf – eine hessische Eigenheit, bei der ein Ei über das Haus geworfen wird. Bei Abwandlungen des Brauchs reicht einfach nur viel Platz für den Weitwurf. Wichtig ist, dass das Ei weich auf einer Wiese landen kann und im Idealfall nicht kaputt geht, wofür auch die sogenannten Fänger sorgen können. Vorteilshaft wäre, wenn das Gras noch nicht zu hoch steht, denn schließlich müssen Sie das Ei wiederfinden, um zu überprüfen, ob das Ei heil geblieben ist. Am besten verwendet man hartgekochte Eier, sie gehen nicht so schnell kaputt und verfügen über bessere Flugeigenschaften. Eine dicke Schale, also Eier von jungen Hühnern, sorgt für zusätzliche Bruchsicherheit. Je nach Ort werden jedoch auch rohe Eier (in diesem Falle wäre für angemessene Kleidung zu sorgen) bzw. beiderlei – gekocht und roh – verwendet. Die Hochburgen dieser Sportart scheinen aber nicht nur in Nordhessen, sondern auch im Bereich des Westerwalds zu liegen: in Horhausen im Westerwald, in Aschbach bei Wald-Michelbach in der Hessen-Region Bergstrasse, früher in Affolterbach (mit rohen Eiern!). (Quelle u. a.: http://www.hessen-netz.com/168/Hessen-Events/Ostereierweitwurf.html) 50 bis 80 m können zumal erreicht werden. Der Wurf über das Haus soll Schutz und Segen bringen. Aber nur dann, wenn Sie wissen, was sich auf der anderen Seite des Hauses befindet … Eine Kollegin der Museumslandschaft Hessen Kassel wusste von einem Unglücksfall im Marburger Raum zu berichten, wo das mit Schwung geworfene Osterei das Dach des frisch erworbenen Strandkorbes durchschlug, um dann aber weich auf der gepolsterten Sitzfläche zu landen.

Yumurta

Und noch etwas Interessantes zur lokalen Ausprägung von Osterbräuchen: Hätten Sie gewusst, dass in der Türkei das „Eierdotzen“, das aneinanderschlagen zweier Eier, praktiziert wird? Zumindest wissen wir es von der Westküste der Türkei, der Region zwischen Kusadasi und Bodrum. Es wurde bzw. wird in vielen Familien gespielt und heißt „Yumurta Tokuturmak“ (Eier dotzen). Sie glauben es nicht? Hier der historische Beleg: Ein Zeitungsausschnitt vom 1. Mai 1930 aus dem Abendblatt berichtet von einem Wettbewerb in „unserer Stadt“ (welche Stadt es ist, ist leider nicht zu erkennen), bei dem der jeweilige Sieger, dessen Ei keinen Schaden erlitten hatte, alle Eier behalten durfte. Über 40 Stück. Sehr tolerant geht es zu, denn der Ort weiß, dass die christliche Gemeinde „Paskalya“ (Ostern) feiert und gratuliert. Unser Informant lebt heute mit seiner Familie in Kassel und selbstverständlich werden weiter zu Ostern Einer gedotzt. Die Kinder lieben es.

Hessische "Füchsen" aus der Sammlung Volkskunde
Hessische „Füchsen“ aus der Sammlung Volkskunde

Das Ei gilt als Symbol der christlichen Auferstehung und ist die perfekte Verkörperung des Ostergedankens. Natürlich müssen Sie es nicht unbedingt werfen. Besonders schön und kunstvoll sind die hessischen „Füchse“ – Eier, die in Zwiebelschalen gekocht werden und dadurch eine rötlich braune Farbe erhalten. Ein solches Ei gibt es auch in der Sammlung Volkskunde der MHK. Sie eignen sich weniger zum Werfen … Das Muster bewirken Sie entweder durch ein aufgelegtes und mitgekochtes Blatt oder die Eier werden mit Sprüchen versehen – geritzt oder mit einer aufgetragenen Wachsschicht. In der Westkirche ist das Bemalen von Ostereiern seit dem 12./13. Jahrhundert bekannt. Rot, grün, blau, gelb, schwarz, aber auch silber und gold waren die typischen Farben – bis sich regionale Unterschiede herausgebildet haben.

Besonders angetan haben es uns die hockenden Osterlämmer zum Verspeisen – sicherlich nicht nur in Hessen gebräuchlich. Das Lamm, das als christliches Symbol für Jesus Christus steht (agnus dei, Lamm Gottes), folgt einer alten katholischen Tradition, während der Hase als Symbol für Ostern eine moderne bzw. evangelische Erfindung ist. Kindern wird erzählt, dass der Osterhase die Ostereier erst bemalt und sie dann im Garten versteckt. Traditionell gibt es das gebackene Osterlamm (oder auch Häschen) zum Osterfrühstück, -brunch oder -kaffee. Es wird aus einem einfachen Rührteig gebacken und kann mit Puderzucker bestreut oder mit Schokolade überzogen werden. Eine Alternative dazu ist der Osterzopf aus einem Hefeteig (oder als Körbchen mit bunten Eiern bestückt) bzw. der geflochtene Hefekranz mit einem Ei in der Mitte.

Und noch eine Kuriosität – der Osterlauf im Dorf Külte: http://www.hna.de/lokales/korbach-waldeck/wettstreit-seit-jahren-702383.html

Eine interessante Quelle dazu, wer denn nun die Ostereier bringt, ob Hase oder Lamm, und warum sich auch in evangelischen Gegenden die Ostereier durchgesetzt haben: http://www.religioeses-brauchtum.de/fruehjahr/ostern_1.html

Zum Schluss interessiert uns sehr: Was kennen Sie aus Nordhessen? Wir freuen uns über Ihre Kommentare und wünschen allen: Frohe Ostern!

Autorin: Lena Weber