Das Einmaleins des guten Tons – Ratgeberliteratur gestern und heute

Ratgeber, meist von Menschen geschrieben, deren Autorität entweder auf ihrem enormen Erfahrungsschatz, ihrem aristokratisch anmutenden Namen oder ihrem akademischen Bildungshintergrund basiert, suggerieren den Leserinnen und Lesern heute, dass fast alles möglich ist, wenn man sich nur an die eine oder andere Regel hält. Das ist kein neues Phänomen. Spätestens seit Adolph Freiherr Knigge Ende des 18. Jahrhunderts sein Werk „Zum Umgang mit Menschen“ herausgegeben hat, findet man sie in jeder Epoche.


Besonders interessant sind hierbei die 1950er Jahre. 1955 erschien in der Bertelsmann Reihe Praktische Ratgeber „Das 1 x 1 des guten Tons“ von Dr. Gertrud Oheim. Angesprochen wurde vor allem ein weibliches Publikum und es blieben fast keine Fragen bezüglich der perfekten Haushaltsführung, der perfekten Partnerschaft und der perfekten Wohnungseinrichtung unbeantwortet. Der Ratgeber ist in einem eingängigen Ton geschrieben. Aus heutiger Sicht wirken die Tipps teilweise sehr skurril. So zum Beispiel wenn Frau Oheim den Frauen rät, doch lieber nicht nach der Vergangenheit ihres Liebsten zu fragen:

Eine Frau „[…] wählt, wenn sie klug ist, die Zurückhaltung als Richtschnur ihres Handelns. Wenn sie klug ist, wird sie ferner den Mann, den sie liebt, nicht mit unnötigen Fragen nach seiner „Vergangenheit“ bedrängen – kann sie damit auch nur einen Bruchteil ungeschehen machen?“ (S. 126)

 Für den Besuch im Museum schlägt sie folgendes Verhalten vor:

 Es ist „[…] gegen die guten Sitten, in Museen mit knallenden Nagelschuhen umherzulaufen, vor Gemälden dozierend und für alle vernehmbar seine unmaßgebliche Meinung zu äußern, Führungen durch Lachen und Kichern zu stören oder bei der Betrachtung großer Kunstwerke Wurststullen und Obst zu kauen.“ (S. 299)

Kunstbanause S. 299

Sie können sich vorstellen, dass gerade das letzte Zitat im Kollegenkreis für Erheiterung sorgte!

Alle Fotos sind aus: Getrud Oheim: Einmaleins des guten Tons, Bertelsmann,
22. Auflage, 1959

Autorin: Almuth Kölsch

2 Antworten auf „Das Einmaleins des guten Tons – Ratgeberliteratur gestern und heute“

  1. Hallo Frau Kölsch,

    ich habe mich sehr gefreut, einige Fragmente des Buches zu finden. Meine Eltern hatten es im Bücherregal und meine Schwester und ich (Jahrg. 1967) haben das hin- und her- und vor und zurück gelesen mit viel Belustigung und auch Verwunderung über manches. Die Bilder und einige Formulierungen habe ich bis heute nicht vergessen.

    Später im Teenageralter hat folgende Verhaltensregel im Restaurant zu Freude bei den männlichen Wesen aus meinem Freundeskreis geführt: „Der Herr erhält die Speisekarte und schlägt der Dame dann einige Gerichte vor, unter denen sie dann wählen kann.“ Die haben sich dann vorgestellt, sich selbst ein Rumpsteak zu bestellen und der Frau Bockwurst mit Kartoffelsalat vorzuschlagen…

    1. Hallo Frau Below,

      es freut uns, dass Sie beim Lesen des Textes in Erinnerungen schwelgen konnten. Auch wir hatten viel Freude beim Durchblättern des Buches. Wir hoffen natürlich, dass die ‚männlichen Wesen‘ aus Ihrem Freundeskreis damals dann doch etwas großzügiger bei der Speisewahl waren…

      Herzliche Grüße
      Ihr Blog-Team

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