Die architektonische Gestaltung des Landesmuseums

Das Hessische Landesmuseum in Kassel stellte sich in seiner Umgebung von Anfang an als etwas Besonderes heraus – und das ist bis heute so geblieben. In Kassel entstand im frühen 20. Jahrhundert eine ganze Reihe großer, repräsentativer Verwaltungs- und Kulturbauten, so das Polizeipräsidium am Königstor (1904–1907), das Rathaus (1905–1909), das Königliche Theater am Friedrichsplatz (1907–1909) oder die Stadthalle (1912–1914). Während diese Bauten mit den damals nach wie vor üblichen Pathosformeln und Gestaltungsmitteln der historistischen Architektur arbeiten, fällt an Theodor Fischers Landesmuseum demgegenüber besonders die gestalterische Zurückhaltung ins Auge. In der Tat ist das Museumsgebäude ein typischer Vertreter der „Reformarchitektur“, die sich um 1900 als Gegenbewegung zum Historismus entwickelte: Baukünstler suchten nach einem „Neuen Stil“, der unter Prämissen wie Einfachheit und Natürlichkeit eine Reduktion der Bauformen propagierte. Diese Tendenzen bildeten den Beginn der Moderne in der Architektur. Allerdings war es nicht das Bestreben der Reformarchitekten, etwas radikal Neues zu erfinden, wie das im „Neuen Bauen“ der 1920er Jahre oft der Fall war. Vielmehr ging es ihnen darum, die bisherigen Entwicklungslinien der Baukunst fortzuschreiben.

Die Hauptfassade des Hessischen Landesmuseums
Die Hauptfassade des Hessischen Landesmuseums

Auch Theodor Fischer wollte den Kasseler Museumsneubau in der Architekturgeschichte verankern, indem er sich etwa bei der Gliederung der Hauptfassade mit dem Turm an Rathäusern der Spätgotik und Renaissance orientierte, insbesondere an Beispielen aus Sachsen und Thüringen. Darüber hinaus waren ihm aber auch unmittelbar regionale Bezüge wichtig, die er in den barocken Palais- und Bürgerhausbauten der Kasseler Innenstadt fand. Der Rückgriff auf diese historischen und lokalen Bautraditionen erfolgte aber nicht durch simples Kopieren, sondern im Rahmen eines schöpferischen Prozesses, der die vorgefundenen Baumotive in eine zeitgenössische Formensprache übersetzte. Eine weitere Besonderheit stellen schließlich die verwendeten Baumaterialien dar: An den Fassaden ist dies die Verkleidung aus Travertin, der als Baumaterial in Kassel und Nordhessen keine Tradition hatte. Fischer dürfte hier, neben Dauerhaftigkeit und kräftiger Struktur des Materials, sicher den Vorteil gesehen haben, den Neubau mit diesem subtilen Gestaltungsmittel aus seinem Umfeld deutlich hervorheben zu können. Weniger deutlich sichtbar, aber mindestens ebenso wichtig ist der Eisenbeton, der bei der Konstruktion von Fundamenten, Decken und – wichtig für den Brandschutz – Dachstühlen angewandt wurde. Ohne diese überaus moderne Konstruktionsweise wären viele bauliche Lösungen in dem Gebäude nicht möglich gewesen.

Haupttreppenhaus im Hessischen Landesmuseum
Haupttreppenhaus im Hessischen Landesmuseum

Die gestalterische wie die konstruktive Form, die Theodor Fischer dem Gebäude des Landesmuseums gegeben hat, konnte sich bis heute bewähren und ist in weiten Teilen nahezu unverändert erhalten. Wesentlich verändert hat sich hingegen die städtebauliche Umgebung: Durch die großen Zerstörungen der Kriegs- und Nachkriegszeit weist die Kasseler Innenstadt nur noch wenig nennenswerte historische Bausubstanz auf. Auch das macht das 100 Jahre alte Museumsgebäude heute zu etwas Besonderem.

Autor: Frank Pütz