Ist das Kultur oder kann das weg?

Dieser provokanten Frage stellten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Fachkonferenz des Hessischen Museumsverbandes und der Hessischen Vereinigung für Volkskunde am 5. Juli 2014 im Marburger Rathaus. Angesichts der mehr und mehr aus der musealen Öffentlichkeit verschwindenden kulturhistorischen Sammlungen in Hessen eine Frage, die ihre Berechtigung hat.

Gleich in den einleitenden Worten der Veranstalter und Gastgeber wurde die Brisanz des Themas deutlich. Marianne Jacoby, Vorsitzende der Hessischen Vereinigung für Volkskunde, fragte zum Beispiel, ob die Alltagskultur zu alltäglich sei und die Besucherinnen und Besucher sie aus diesem Grund vielleicht gar nicht im Museum sehen wollten. Dürfen die reichhaltigen alltagskulturellen Bestände, die in vielen Depots jahrelang hinter verschlossenen Türen gelagert sind, folglich ‚entsammelt‘ werden? Eine Antwort darauf muss wohl jede Institution für sich selbst finden.

Wie volkskundliche Sammlungen einem Publikum spannend und innovativ präsentiert werden können, zeigten drei Beispiele aus der Ausstellungspraxis. Thomas Brune, Leiter des Museums der Alltagskultur – Schloss Waldenbuch, berichtete unter anderem vom partizipativen Projekt Mein Stück Alltag. Bei diesem Projekt können Besucherinnen und Besucher ein liebgewonnenes Objekt aus ihrem persönlichen Alltag ins Museum bringen. Dort wird es dann mit einer Kommentierung ausgestellt. Wie man das vermeintlich angestaubte Thema „Hessische Tracht“ jungen Menschen schmackhaft machen kann, zeigte ein Kooperationsprojekt der Sammlung Volkskunde der Museumslandschaft Hessen Kassel mit dem Fachbereich Textiltechnik und Bekleidung der Elisabeth-Knipping-Schule in Kassel. Julia Dummer, Textilrestauratorin der MHK, berichtete über das gelungene Projekt, in welchem die Schülerinnen und Schüler hessische Trachten aus den Beständen der Sammlung Volkskunde als Inspiration für moderne „Trachten“ nutzten. Die Ergebnisse und Kreationen wurden in der Sonderausstellung Neu beTRACHTet – Hessische Tracht in neuem Gewand gezeigt. Einen anderen Ansatz verfolgen Dorothee Linnemann und Sonja Thiel, freie Kuratorinnen am Historischen Museum Frankfurt. Am Beispiel der Occupy-Bewegung referierten sie darüber, wie Gegenwart gesammelt und der Weg des Objekts ins Museum transparenter gestaltet werden kann.

Am Nachmittag referierte Manfred Seifert, Professor am Institut für Europäische Ethnologie/Kulturwissenschaft an der Phillips-Universität Marburg, zur Neubewertung volkskundlicher Sammlungen. Da Museen letztendlich nur das ausstellen könnten, was sich in den Sammlungen befände, gäben Ausstellungen folgerichtig nur eine selektive Wahrnehmung von Wirklichkeiten wieder. Das Museum stelle dann den Besucherinnen und Besuchern ‚Haltegriffe‘ bereit, die ihnen Rahmen und Perspektiven anbieten, sich in Raum und Zeit zu verorten bzw. ihre eigene Lebenswirklichkeit mit dem Ausgestellten ins Verhältnis zu setzen.

Auf der Tagung konnten wir somit nicht nur viel über die volkskundlichen Sammlungen und aktuellen Projekte anderer Museen in Hessen erfahren, sondern auch Denkanstöße für unsere neue Dauerausstellung bekommen. Wer weiß, vielleicht können Sie das ein oder andere Objekt auch als historischen Haltegriff nutzen?

Autorin: Almuth Kölsch