Archäologie – ein Abfallprodukt

Würden Sie diese Objekte in der Ausstellung eines Museums vermuten? In aufwendigen Vitrinen, sorgfältig ausgeleuchtet und mit einer Beschriftung versehen? Vermutlich eher nicht – und doch können Sie diese in der neuen Dauerausstellung des Hessischen Landesmuseums in Kassel bewundern. Alle drei Stücke stammen aus der archäologischen Ausgrabung im Stiftsbezirk von Bad Hersfeld. Und wenn Sie jetzt denken „Aber das ist doch einfach nur Müll!“, liegen Sie völlig richtig.

„Archäologie – ein Abfallprodukt“ klingt im ersten Moment abwertend, ist aber letztlich ganz wörtlich gemeint. Einen Großteil der Erkenntnisse beziehen Archäologen aus dem Abfall, den Menschen nun mal – wann und wo auch immer – zurückgelassen haben. Fast alles, was wir auf ehemaligen Siedlungsstellen heute in manchmal mühevoller und aufwendiger Kleinarbeit freilegen und bergen, ist nichts als der Müll unserer Vorfahren. Abfall entstand dabei zu allen Zeiten, nur die Zusammensetzung und die Menge variieren. Zudem kamen und kommen im Laufe der Geschichte auch immer mehr Materialien hinzu, die auf dem Müll landen. Waren es anfangs bei den alt- und mittelsteinzeitlichen Jägern (300.000 – 5.500 v. Chr.) ausschließlich Speisereste und zurückgelassene oder defekte Stein- oder Knochengeräte, so kommen mit der Erfindung der Keramikgefäße seit den ersten Bauern der Bandkeramischen Kultur (5.500 – 4.800 v. Chr.) in der Jungsteinzeit die Tonscherben als wichtige Müllkategorie hinzu. Für die Archäologen ein Glücksfall – machen doch die unterschiedlichen Topfformen und Verzierungsweisen die Datierung gleich viel leichter. Überhaupt wächst der Hausrat seitdem stetig: Wer sesshaft lebt, kann Dinge anhäufen, die wiederum kaputt gehen und entsorgt werden. Und wer länger an einem Platz bleibt, produziert natürlich an diesem einen Ort auch mehr Müll, als umherziehende Gruppen, die alle paar Tage oder Wochen ihren Lagerplatz wechseln.

Bei allen Interpretationen muss man aber immer auch in Betracht ziehen, wie zur jeweiligen Zeit mit unbrauchbar gewordenen Dingen und anfallendem Müll umgegangen wurde, um Fehlinterpretationen zu minimieren. Warf man den Müll achtlos in nächster Nähe neben den Wohnplatz? Störte der Geruch? Lockte man Hunde, Wölfe, Ratten an? Wurde der Müll vergraben? Fütterte man mit Essensresten die Schweine? Galt manches, etwa Überreste von religiösen Handlungen, überhaupt als Müll? Wurden bestimmte Dinge bereits recycelt? Fragen über Fragen, aber auch wertvolle Einblicke in die jeweilige vorgeschichtliche Gesellschaft. So hatten beispielsweise Menschen, die viel wegwarfen, vermutlich leicht Zugang zu neuen Objekten oder Rohstoffen. Aus den Tierknochen von Siedlungen lassen sich Altersstrukturen der Herden ermitteln und Hinweise auf die Nutzung der Tiere als Fleischlieferanten, Arbeitstiere oder Woll- und Milchproduzenten gewinnen. Produktionsabfälle der Metallverarbeitung zeigen den Arbeitsplatz von Handwerkern an. Müll verrät, dass die Germanen in Nordhessen Handel mit den Römern trieben und dabei auch Wein und Öl zu schätzen wussten. Dies sind nur einige Beispiele für den Wert des Abfalls für die Erforschung der Vergangenheit.

Auch für das Mittelalter und unsere jüngste Vergangenheit ist Müll eine kultur- geschichtliche Quelle ersten Ranges, die den Alltag vergangener Zeiten spiegelt. Der Abfall mittelalterlicher und neuzeitlicher Städte verrät die neueste Schuhmode, gibt Auskunft über Schädlinge und Parasiten, trennt reichere Einwohner von Armen und spiegelt neue Entwicklungen wider. So zeigen die zahlreichen zerbrochenen Tabakspfeifen ab Mitte des 17. Jahrhunderts, wie schnell sich das neue Laster des Tabakrauchens durchsetzte. Glasscherben – einstmals Zeugnis luxuriöser Trinkgefäße von wenigen Reichen – werden nach und nach zum gängigen Bestandteil des Mülls. Und während das auch für Müllhalden von 1950 noch gilt, gelangt Glas heute als fester Bestandteil des Recyclingkreislaufs eher nicht mehr in großen Mengen auf die Müllkippe. Dafür kommen stetig neue Materialien hinzu: Gummi, Aluminium, Plastik usw. Während die Müllhalden heute zentralisiert sind oder ein Teil des Mülls gleich in der Verbrennungsanlage landet, schüttete man ihn lange Zeit unbesorgt in die nächste Geländesenke oder gar in den nächsten stillgelegten Brunnen. Vor allem bei Innenstadtgrabungen tauchen solche Abfallschichten dann oftmals wieder auf. Und so stellt sich die Frage: Was tun mit modernen Müllbestandteilen aus archäologischen Grabungen? Soll man sie entsorgen oder inventarisieren? Wird ein Archäologe in einigen hundert Jahren nicht dankbar sein für materielle Belege, die Einblick in den Alltag lange zurück liegender Zeiten bieten?

Insofern gibt es in der Sammlung zur Vor- und Frühgeschichte auch „moderne“ Funde, die aber natürlich meist nicht ans Licht der Öffentlichkeit gelangen. In der neuen Ausstellung finden einige davon erstmals einen Platz. Sie sind dort Kuriosa, sollen aber auch als Denkanstoß dienen: Was werfen wir heute weg, was wird die Zeiten überdauern und vor allem: Was werden die Archäologen der Zukunft aus unserem Müll lesen können?

Autorin: Dr. Irina Görner