Ein Praktikum in der Sammlung Volkskunde

Ein Praktikum im Rahmen eines kulturanthropologischen Studiums soll Studenten die Möglichkeit bieten, erste Einblicke in eine mögliche Arbeitswelt von Volkskundlern zu gewinnen. Erwartungen an derartige Praktika sind oft von den Vorurteilen geprägt, man würde dazu verdonnert werden, den ganzen Tag am Kopierer zu stehen oder Kaffee zu kochen. Einen ersten Eindruck von der MHK als Arbeitgeber bekam ich bei einer Exkursion zu einem der Depots der Sammlung Volkskunde im Sommersemester 2014. Es schien, als seien die Mitarbeiter nicht nur motiviert, interessiert und engagiert bei der Sache, sie pflegten auch einen sehr offenen Umgang untereinander und zu uns Studenten.

Beim Bewerbungsgespräch mit der Sammlungsleiterin, Frau Dr. Martina Lüdicke, äußerte ich mein musikwissenschaftliches Interesse, da ich dies im zweiten Fach meines Bachelorstudiengangs studiere. Daraufhin schlug sie mir zahlreiche Ideen für mögliche Aufgaben in diesem Bereich vor. Dies ließ mich sehr zuversichtlich werden, und ich freute mich auf das Praktikum, welches ich im darauffolgenden Monat antreten sollte.

Von Beginn an teilte man mir ein vielfältiges Arbeitsfeld zu. An meinem ersten Arbeitstag wurde mir das Inventarisierungssystem erklärt, und ich durfte zusammen mit der FSJ-lerin Tamara Block im Textildepot einen Kleidernachlass inventarisieren. Darin befand sich sehr wertvolle und hervorragend erhaltene Kleidung aus dem Zeitraum von ca. 1900 bis etwa 1970. Außerdem sollte ich einen Einblick in die Instandsetzung und Neukonzeption der Dauerausstellung des Hessischen Landesmuseums erhalten. Dazu besuchte ich mit Tamara Block und der Volontärin Almuth Kölsch die Baustelle, um eine Vorstellung von der Raumaufteilung der Ausstellung zu bekommen.

Elisabeth_Instrument

Gegen Ende der Woche konkretisierte sich mein eigenes kleines Projekt. Zum einen sollte ich die Musikinstrumente der Sammlung fotografieren und für die Datenbank näher beschreiben. Zum anderen beschäftigte ich mich intensiv mit einem handschriftlichen Liederbuch aus dem Jahr 1899, welches in der neuen Dauerausstellung zu sehen sein wird. Anfangs war es für mich schwer, die alte Sütterlinschrift zu entziffern. Nach und nach fiel es mir jedoch leichter und so transkribierte ich fast das gesamte, aus 76 Liedern bestehende Buch und recherchierte mit großem Interesse zu den historischen, politischen und sozialen Umständen der Zeit. Je länger ich mich mit dem Liederbuch beschäftigte, desto spannender erschien es mir. Es enthüllte Geschichten aus dem Leben eines Menschen, dessen Spuren heute nur noch auf dem Papier und auf Fotos existieren. Ich begann endlich, das Fach, das ich seit vier Semestern studiere, zu verstehen. Im Studium werden fast nur theoretische Grundlagen in Form von oftmals unverständlichen, langen Texten vermittelt, während die Praxis historischer Forschung außen vor bleibt. Es war sinnvoll, einen tieferen und spezielleren Blick auf einen zu analysierenden Gegenstand zu werfen, wodurch das Praktikum für mich eine geistige Herausforderung darstellte.

Abschließend kann ich sagen, dass meine Tätigkeit keineswegs darin bestand, Kaffee zu kochen, obwohl der Kaffee in Kombination mit dem niemals zur Neige gehenden Gebäck eine zentrale soziale Funktion in den geselligen Mittagspausen einnahm. Das machte das Praktikum bei der MHK zusätzlich zur spannenden Arbeit zu einem Genuss.

Autorin: Elisabeth Posnjakow