Feldpostbriefe als historische Quelle

Feldpostbriefe können uns viel über den Alltag eines Soldaten im Krieg erzählen. Sie vermitteln einen anschaulichen und sehr persönlichen Einblick in die Gefühlswelt des Schreibenden, geben jedoch auch Aufschluss über die Versorgungslage, das Kampfgeschehen und die Unterkunft. Für die Soldaten im Ersten Weltkrieg bedeuteten sie die einzige mögliche Form der Kontaktaufnahme und Kommunikation mit ihrer Familie und ihren Freunden in der Heimat. Diese erhielten mit jedem eintreffenden Brief ein weiteres Lebenszeichen von der Front.

In der Volkskunde werden Briefe allgemein, besonders auch Feldpostbriefe, als subjektive, historische Quellen genutzt. Auch in der neuen Dauerausstellung im Hessischen Landesmuseum in Kassel sollen Feldpostbriefe und Tagebucheinträge aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg individuell erlebte Geschichte erzählen und einen unmittelbaren Eindruck aus dem Kriegsalltag der Soldaten wiedergeben. Diese müssen aber stets als eben diese subjektiven Quellen eingeordnet werden, da sie der persönlichen Wahrnehmung des Schreibenden unterliegen. Die Briefe sind geprägt von persönlichen, auch traumatischen Erfahrungen, politischen Standpunkten, sozialem Status, Bildungsniveau, militärischer und politischer Propaganda, aber auch dem Zugang zu Informationsmedien wie beispielsweise Zeitungen.

Ein anschauliches Beispiel hierfür stellt der Auszug aus einem Feldpostbrief von Heinrich Soost dar. Heinrich Soost wurde 1890 in Ihringshausen bei Kassel als Sohn eines Volksschullehrers geboren. Bevor er als Soldat im Ersten Weltkrieg eingezogen wurde, studierte er Geschichte und Germanistik. Sein Bruder Albert Soost, Wandervogel und auch Soldat im Ersten Weltkrieg, wurde hier bereits vorgestellt. Heinrich Soost schrieb am 27.09.1916 an seine Familie und berichtete über die Versorgungslage der Soldaten an der Front in Zawidcze (heute Ukraine). Diese beschreibt er als relativ gut, eine Situation aber, die er im Hinblick auf die Versorgung der Zivilbevölkerung kritisch betrachtet:

„(…) Es heißt, ach die führen bloß Krieg um gut essen & trinken zu können. Und da haben sie auch nicht Unrecht. Wenn man bedenkt zu Hause bekommen Kinder & schwache Personen nur Kriegsbrot zu essen mit Kartoffeln, kaum Fett & Butter, ganz wenig Fleisch. Uns hier wird direkt aus dem Vollen gewirtschaftet. Da empfangen die Herrn Weißbrot aus Weizenmehl, Butter, können Eier u.s.w. kaufen, bekommen Fleisch genügend, trotzdem man hier nur rumfaulenzt. Ja, es wird sogar hier geschlachtet & Wurst gemacht, dann wird ein Mann beurlaubt, der muß die geräucherten Würste nach den Frau Gemahlinnen nach Deutschland schaffen. Hoffentlich sind die Schweine bezahlt aus der eigenen Tasche & nicht requiriert. Es ist so schon reichlich stark. Man sollte die Heimat zu Gunsten des Heeres nicht zu sehr schröpfen. Unsere Zukunft ruht auf der heranwachsenden Generation & nicht auf den versoffenen & verhurten Brüdern. Und wenn unseren Kindern das Elend aus den Augen guckt, ist es die schwerste Anklage gegen den Mann, den der Kaiser an die Spitze der Lebensmittelversorgung gestellt hat. Na Batocki wird wohl bei den 1. Reichstagsitzungen allerhand zu hören bekommen & das mit Recht. Den in einem 70 Mill. Volk wird es doch wohl einen geben, der das fertig bringen wird. Vom grünen Tische aus kann man so etwas nicht machen, sondern überzeugt sich auch mal persönlich von den Zuständen. Vom Vortraghören allein lernt man nichts, vor allem wenn man Referenten hat, die wunderbare Referate „frei von jeder Sachkenntnis“ halten, d. h. die sich ebenso wenig persönlich überzeugen. Denn das ist aller unser Meinung, lieber wollen wir so hungern wie in 1914 & 1915, ehe unsere Kinder hungern sollen. Ich habe schon gesehen, daß unsere Kerle heulten, weil ihnen ihre Frau geschrieben hatte, sie hätte nichts für sich & die Kinder zu essen. Wem sollte das nicht wehtun. Das müßte eine Bestie aber kein Mensch sein. Eben schickt der Koch vom Batl.stab für Stahl Kuchen, da könnt Ihr ja sehen wie es zugeht, dazu noch die nötigen Saufgelage. Und zu Hause hungern Tausende & aber tausende. O armes Deutschland, was wird das nach dem Kriege geben. Ich habe jetzt schon die größte Angst vor den kommenden innerpolitischen Kämpfen. Da wird alles drunter & drüber gehen. Es fehlt ja jetzt schon in den einzelnen Parteien an inneren Zusammenhang, von den Ultrakonservativen bis zur äußersten Linken. Das heißt, entweder Pöbelherrschaft oder Diktatur. Eins so schlimm wie das andere, denn beide sind Gegner des Intellectualismus, beide sind Vertreter des Dämon Despotismus. (…)“

Heinrich Soost überlebte den Krieg und verstarb 1980.

Autorin: Tamara Block