Zweiter Blick in die Restaurierungswerkstatt

Nachdem Sie beim „Ersten Blick in die Restaurierungswerkstatt“ die Diplom-Restauratorin Anne Becker und ihre Arbeit an der prachtvollen Prunkkanne kennen gelernt haben, stellen wir Ihnen heute ein weiteres interessantes Kunstwerk vor, welches in der neuen Dauerausstellung des Hessischen Landesmuseums in restauriertem Zustand zu sehen sein wird. Es handelt sich um vier zum Teil fragmentarisch erhaltene Felder einer gotischen Kirchenverglasung, die um ca. 1310/1320 datieren. Sie stammen aus der Pfarrkirche St. Maria in Winnen, das heute zu Allendorf im Landkreis Gießen gehört. Die Glasfenster bestehen aus farbigen, mit Bleiruten verbundenen Scheiben und stellen vier weibliche Heilige dar. Zu erkennen sind unter anderem Maria, die das Jesuskind im Arm hält und Schleier, Blattkrone und Rosenstrauch trägt, sowie die heilige Katharina mit ihren Marterwerkzeugen Schwert und Rad. Zwei weitere Heilige können derzeit nicht näher identifiziert werden, wobei die Attribute einer Figur gänzlich fehlen und bei der anderen Darstellung Palmwedel und Buch auf ein Martyrium verweisen.

Darstellungen auf der gotischen Kirchenverglasung: Heilige mit Palme und Buch, Heilige mit Kopftuch, Maria mit Jesuskind, die heilige Katharina (v.l.n.r.)
Darstellungen auf der gotischen Kirchenverglasung:
Heilige mit Palme und Buch, Heilige mit Kopftuch, Maria mit Jesuskind, die heilige Katharina (v.l.n.r.)

Christine Bauer, Diplom-Restauratorin (FH) und in Dresden lebend, hat sich auf die Restaurierung von Glasmalereien, Hohlgläsern sowie Keramik spezialisiert und in einem Interview erzählt, wie sie bei der Arbeit an den vorgestellten Glasmalereien vorgegangen ist. Bevor die Restauratorin mit der eigentlichen Konservierung und Restaurierung beginnen konnte, musste sie zunächst die vorgefundenen Messingrahmen entfernen, weil diese konstruktionsbedingt keine ausreichende Stabilität für die Objekte gewährleisteten. Nachfolgend hat sie die Objekte im Vorzustand dokumentiert, d.h. die Vorder- und Rückseiten im Auf- und Durchlicht fotografiert, begutachtet und kartiert.[1] Im Zuge der Kartierung hat sie wichtige Details nochmals vergrößert festgehalten, wie etwa großflächig aufliegende Klebstoffe sowie sichtbar störende Kittwülste und farblich entsprechend markiert. Bei der anschließenden Trockenreinigung beider Seiten hat Frau Bauer Auflagerungen und lose Kittpartien mit Hilfe eines Skalpells vorsichtig entfernt. Im nächsten Schritt wurden die Glasfenster mit einer Tensid-Lösung[2] feucht gereinigt und schließlich mit destilliertem Wasser nachgereinigt. Daraufhin hat die Diplom-Restauratorin vorhandene Lichtschlitze geschlossen, offene Glasbrüche reversibel[3] geklebt und mit Acrylfarben retuschiert. Abschließend wurden die Glasmalereifelder zur Stabilisierung in passgenau gefertigte Messingrahmen eingefasst. Das Anfertigen von Fotoaufnahmen des Nachzustandes war der vorletzte Schritt der Konservierung und Restaurierung. Frau Bauer hat abschließend noch eine Restaurierungs-dokumentation erstellt, die neben Aufnahmen des Vor- und Nachzustandes auch Kartierungen der Maßnahmen sowie erläuternde Texte enthält.

Am Ende des Gesprächs hat Christine Bauer verraten, was sie an ihrem Beruf besonders mag: Sie fände es immer wieder beeindruckend, alte Originale in der Hand zu halten, und sei jedes Mal von den Ergebnissen ihrer Arbeit fasziniert – so auch von ihrem Restaurierungsobjekt aus Winnen.

Uns gefallen die Kirchenfensterfragmente auch sehr und wir freuen uns schon, sie im Hessischen Landesmuseum in neuem Glanz erstrahlen zu sehen.

 Autorinnen: Susann Elsner, Christine Bauer


[1] Die Kartierung ist eine grafische Darstellungsmethode, bei der bestimmte Objekteigenschaften oder Untersuchungsergebnisse in visualisierter Form festgehalten werden. Die Grundlage bildet eine Fotografie des Gegenstandes. In diese Abbildung werden mittels Bildbearbeitungsprogrammen Farbflächen und -linien eingefügt, die z.B. Materialbeschaffenheit, Schädigungen oder erfolgte Maßnahmen aufzeigen. Die Kartierung stellt also einen wichtigen Dokumentationsbestandteil der Restaurierung dar.

[2] Tenside sind die waschaktiven Substanzen in einem wasserlöslichen Reinigungsmittel. Diese bewirken das Ablösen von Feststoffteilchen an der Objektoberfläche. Das verwendete Tensid muss je nach Material und Beschaffenheit des Restaurierungsobjektes gewählt werden, um eventuellen Schädigungen – die auch durch die Wahl einer falschen Reinigungslösung entstehen können – zu vermeiden.

 [3] Reversibel bedeutet umkehrbar. Daher wird in der Restaurierung reversibler Klebstoff verwendet. Dieser ist chemisch beständig und kann bei Bedarf relativ gut wieder entfernt werden.