Die Weihnachtsbäckerei in der Steinzeit …

… wäre wohl gar nicht so einfach gewesen. Puristen, die jetzt schon einwenden, natürlich völlig zu recht, dass ja eine Weihnachtsfeier und damit auch das zugehörige Gebäck in der Steinzeit ohnehin eine völlig absurde Annahme ist, sollten gar nicht erst weiterlesen. Für alle anderen können wir den Gedanken ja mal weiterspinnen. In den Geschäften finden wir gerade jetzt ein reichhaltiges Angebot an fertigen Gebäckvarianten. Auch für den Selbstbäcker ist alles für die Weihnachtsbäckerei zu haben: Mehl, Zucker, Milch, Eier, Butter sind unverzichtbar; dazu dürfen dann gerne – zur Dekoration oder als typische Zutat – auch Schokolade, Kakaopulver, Nüsse und diverse Gewürze, wie etwa Anis, Zimt, Nelken, Vanille usw., kommen. Und damit haben wir auch schon das Problem bei der steinzeitlichen Weihnachtsbäckerei: Schon das Zusammenbringen der grundlegenden Zutaten wäre gar nicht so einfach gewesen. Die spezielleren Gewürze waren vor 7000 Jahren schlicht unerreichbar. Zimt, Nelken, Muskat, Cardamom stammen aus Indien und Indonesien und kommen erst sehr viel später bis nach Mitteleuropa. Auch Schokolade und Kakao sind vor der Entdeckung Amerikas als Zutat leider auszuschließen.

Einkorn
Einkorn

Wir müssen also unsere Erwartungen an den Steinzeitkeks schon mal drastisch herunterschrauben. Immerhin das unverzichtbare Mehl stünde zur Verfügung. Seit 5500 v. Chr. war man auch in weiten Teilen Mitteleuropas sesshaft geworden und zu Ackerbau und Viehzucht übergegangen. Die ersten Getreidesorten Emmer und Einkorn standen nach der Ernte im Herbst problemlos zur Verfügung. Allerdings bedeutete die Herstellung von Mehl einiges an Arbeit. Auf Mahlsteinen aus grobem Sandstein wurden die Körner mithilfe eines zweiten Steines zermahlen. Um für ein Gebäck eine ausreichende Menge feinen Mehls zusammenzubringen, sagen wir 250 g, musste man etwa 30 Minuten angestrengt arbeiten. Das Mehl hätten wir damit schon einmal.

Eier von wild lebenden Vögeln
Eier von wild lebenden Vögeln

Schwieriger ist es mit der Beschaffung von Eiern. Bei uns heute leicht und billig zu bekommende Hühnereier sind in der Steinzeit unerreichbar. Das Haushuhn ist in Mitteleuropa nicht heimisch, seine Vorfahren stammen aus Indien, und nördlich der Alpen kennen wir es – vermittelt von den griechischen Kolonien in Südfrankreich – erst ab der frühen Eisenzeit. Aber man konnte sich auch in der Steinzeit natürlich Vogeleier beschaffen, indem man die Nester der wild lebenden Vögel ausräumte. Problematisch ist hier eher die Tatsache, dass die Brutzeit der Vögel nun mal nicht im Spätherbst liegt. Man müsste also einige der im Sommer gesammelten Eier gezielt für die Weihnachtsbäckerei aufbewahren. Das ist machbar, auch wenn es uns, die wir mit Mindesthaltbarkeitsdaten und der Furcht vor Salmonellen aufgewachsen sind, ein wenig graust. So war es noch bis in die Neuzeit hinein üblich, Eier in Kalkwasser bis zu drei Monate zu lagern. Der Kalkanteil im Wasser setzt dabei die Poren der Eier zu und verhindert das Eindringen von Krankheitserregern. Zur Not könnte man auf das Ei im Teig auch verzichten, die fehlende Flüssigkeitsmenge müsste dann anderweitig ersetzt werden und der Teig vor dem Backen länger ruhen.

Denkbar als Ersatz wäre beispielsweise Milch. Die ersten Ackerbauern waren auch Viehzüchter, und Kühe gehörten zu ihren Haustieren. Hat eine Kuh im Frühsommer ein Kälbchen bekommen, dann gibt sie auch im Spätherbst noch ohne Probleme Milch. Zugunsten unserer Kekse bekommt das Kälbchen einfach nur etwas weniger zu trinken. Und hat man Milch, lässt sich auch Butter damit herstellen, dafür müssten wir dem Kälbchen allerdings etwas mehr von der Milch vorenthalten.

Die größte Schwierigkeit ist allerdings der für anständige Kekse unverzichtbare Zucker. Damit ist der Steinzeitbäcker nicht alleine, dieses Problem bleibt bis ins Mittelalter bestehen. Unser billiger Rübenzucker ist erst seit etwa 1800 zu haben. Vorher war lediglich Zucker aus Zuckerrohr bekannt. Und Zuckerrohr stammt ursprünglich aus Amerika und ist folglich bis ins Mittelalter unbekannt. Allerdings kannte man durchaus Möglichkeiten Speisen zu süßen, etwa mit Honig oder konzentriertem Fruchtmus. Beides war theoretisch auch in der Steinzeit zu haben. Für die Honiggewinnung musste man wahrscheinlich einige Bienenstiche in Kauf nehmen. Wählt man die Variante mit Fruchtmus, muss einem klar sein, dass ein gezielter Obstbau noch nicht existierte und die wilden Sammelfrüchte nicht unbedingt besonders süß waren. Aber grundsätzlich könnte man eingekochten Beerendicksaft aus Brombeeren, Himbeeren oder Heidelbeeren verwenden. Und wenn wir schon auf die exotischen Gewürze verzichten müssen, können wir immerhin einige Haselnüsse hinzufügen. Walnüsse und Mandeln gibt es dagegen erst ab der Römerzeit.

Blick in die steinzeitliche Backstube mit Repliken von Gefäßen und Mahlsteinen
Blick in die steinzeitliche Backstube mit Repliken von Gefäßen und Mahlsteinen

Wir verfügen also über 250 g Mehl, vielleicht einige Eier von vermutlich unterschiedlicher Größe oder ein wenig Milch, mit etwas Glück auch über rund 125 g Butter, ein Häufchen Haselnüsse und hoffentlich etwas Honig und Fruchtmus. Damit ließe sich immerhin ein Mürbeteig herstellen, auf Wunsch mit einem Anteil Haselnussmehl. Zur Dekoration könnten wir am Ende die ausgeschnittenen Teigstücke – auf die Metallförmchen müssen wir leider auch verzichten – mit einem Klecks Fruchtmus und einer Haselnuss dekorieren. Nun müssen wir sie nur noch backen. Und das wäre ausnahmsweise mal problemlos möglich gewesen, kuppelförmige Lehmbacköfen kannten nämlich schon die ersten Bauern …

Alles in allem ist also ein steinzeitlicher Weihnachtskeks durchaus denkbar, die Konkurrenz mit dem heutigen Weihnachtsgebäck verliert er aber ziemlich sicher!

Autorin: Dr. Irina Görner