„Donnerkeile“ – Zeugnisse des Volksglaubens

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"Donnerkeil" aus Großenritte
„Donnerkeil“ aus Großenritte

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"Donnerkeil" aus dem Kaufunger Wald
„Donnerkeil“ aus dem Kaufunger Wald

Wenn nicht, sind Sie in guter Gesellschaft, denn bis ins 18. Jahrhundert hinein war man sich über den Charakter solcher „Donnerkeile“ nicht im Klaren. Sie galten als Geschosse von Blitzen, die bei Gewitter mehrere Meter tief in den Boden drangen und dann allmählich an die Oberfläche aufstiegen, wo man sie dann fand. Frühe wissenschaftliche Erklärungsversuche muten heute etwas seltsam an. So schrieb der aus dem hessischen Kirchhain stammende Universalgelehrte Happelius (*1647, †1690) im Jahr 1676:

Der Keil entsteht aus der Materie, die mit den Dünsten in die Luft gezogen und daselbst durch die Kraft des Versteinerungsgeistes in einen harten Stein verhärtet und verwandelt werden. Diese Materie ist irdisch klebricht, grob und schweflicht, aber meist herrührend aus den metallischen Dünsten, die der Versteinerung am meisten fähig sind. Solchergestalt hat man gemerket, daß die Wolken, daraus ein Wetterkeil erzeuget worden, insgemein grünlich, tief und etwas schwarz erscheinen, denn eine solche Wolke ist voll Schwefels und irdischen Dunstes. Der Keil selbst ist so hart wie Eisen, hat nicht allemal einerlei Gestalt und soll, nachdem er seinen Schlag verrichtet, hernach großen Nutzen in der Arzeney haben.

Bis ins 20. Jahrhundert hinein waren „Donnerkeile“ fester Bestandteil des Volksglaubens. Die „vom Himmel gefallenen Steine“ sollten Häuser vor Blitzschlag schützen, Zahnschmerzen heilen oder auch das Wachstum von Jungvieh fördern, um nur einige Anwendungsgebiete zu nennen. Daher findet man sie bis heute an den außergewöhnlichsten Stellen. Das oben abgebildete Stück von Großenritte stammt zum Beispiel aus dem Lehmboden einer Scheune, in den es wohl als Blitzschutz eingesetzt war. Das tropfenförmige Stück aus dem Kaufunger Wald wurde zwischen 1800 und 1810 im hohlen Stamm einer Eiche gefunden und von der Familie des Finders rund 150 Jahre lang als „Donnerkeil“ aufbewahrt. Warum es ausgerechnet im Stamm eines Baumes steckte, ist allerdings unbekannt geblieben.

Klarheit über die tatsächliche Funktion der „Donnerkeile“ brachten vor allem frühe Kontakte zu traditionell lebenden Gemeinschaften aus Übersee. Hier konnte man den Gebrauch ähnlicher Stücke als Beilklingen unmittelbar beobachten. So stellte der Marburger Universitätsprofessor Johann Hermann Schmincke (*1684, †1743) bereits im Jahr 1714 recht zutreffend – wenn auch unter falschem Bezug auf die Germanen – fest:

Sollte aber dennoch jemand bestreiten, daß diese Steine den Germanen als Waffen dienten, so möge er zu den Eingeborenen von Louisiana und anderen wilden Völkern Nordamerikas gehen, die noch heutzutage angespitzte Steine als Messer und Waffen benutzen, wie mir viele Augenzeugen berichtet haben.

Steinbeilklingen mit rekonstruiertem Schaft aus Holz
Steinbeilklingen mit rekonstruiertem Schaft aus Holz

Heute weiß man, dass die „Donnerkeile“ Beilklingen waren. Sie datieren überwiegend in die Jungsteinzeit, den Zeitraum vor etwa 7.500 bis 4.200 Jahren. Besonders gut waren sie zur Holzbearbeitung geeignet. Daneben wurden sie sicher auch als Waffen eingesetzt, wie Hiebverletzungen an jungsteinzeitlichen Skeletten zeigen.

Autor: Andreas Sattler

 

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