“Sagen Sie mal, was ist eigentlich Ihr Lieblingsobjekt?”

Diese Frage wird Museumsleuten immer wieder gestellt, und meist stellt der arglose Frager den Befragten damit vor eine schwierige Entscheidung. Was soll er auswählen: das wertvollste, das bekannteste, das seltenste, das kunstvollste oder das älteste Objekt? Und damit sind nur die gängigsten Kategorien von zahlreichen weiteren genannt. Denn gleich danach lauert die Aufgabe, die Wahl zu begründen. Fragt man das dann auch noch mich, die Leiterin der Vorgeschichtlichen Sammlung, wird es endgültig problematisch.

So könnte ich beispielsweise mit gutem Grund eines der hochpolierten und formschönen Steinbeile aus Jadeit auswählen. Eingeführt aus dem Alpenraum, waren Beile aus diesem exotischen Gestein schon unseren steinzeitlichen Vorfahren vor über 5000 Jahren lieb und teuer. Sehr gut gefallen mir auch die jungsteinzeitlichen Kragenfläschchen aus einer Siedlung nahe Gudensberg, auch – oder vielleicht gerade – weil die Forschung immer noch rätselt, was in ihnen wohl aufbewahrt wurde. An besonderen Formen fällt mir auch eine mittelalterliche Tüllenkanne aus dem nordhessischen Ehrsten aus dem 13. Jahrhundert ein. Ihr eigenwilliger Deckel lässt sich durch einen höchst innovativen Bajonettverschluss arretieren, wie man ihn von heutigen Porzellankaffeekannen kennt.

Je länger ich darüber nachdenke, umso mehr außergewöhnliche, einmalige oder formschöne Objekte kommen mir in den Sinn. Aber seit 2011 gibt es ein Objekt, das viele von diesen Eigenschaften auf sich vereint. Aus einem Brandgräberfeld vom Beginn der Eisenzeit um 850 – 700 v. Chr. in Anzefahr nahe Marburg stammt ein besonders sorgfältig gearbeitetes Keramikgefäß. Seine Form ist bemerkenswert: Es handelt sich um eine vorzüglich erhaltene Fußschale, deren Oberfläche bei der Herstellung sorgfältig geglättet und poliert worden war. Durch den Brand bei seiner Herstellung erhielt das Gefäß eine tiefschwarze Farbe. Auf dem breiten, nach außen umgelegten Rand, trägt es eine Ritzverzierung, deren ursprüngliche weiße Füllung ausnahmsweise erhalten ist. Im Kontrast mit der tiefschwarzen Keramikoberfläche wirkt diese Verzierung wie kürzlich erst hergestellt. Was das komplett erhaltene Gefäß aber so besonders macht, ist, dass es trotz seines perfekten Aussehens keineswegs perfekt ist: Dem Hersteller ist ein Missgeschick unterlaufen. Die Zierbänder verlaufen immer abwechselnd nach rechts und links geneigt, nur an einer Stelle eben nicht. Hier folgen zwei nach rechts geneigte Bänder direkt aufeinander. Wie konnte das geschehen? Recht einfach. Der Töpfer hatte vorher nicht markiert, wie viele Bänder er auf der Randlippe unterbringen wollte, sondern direkt darauf los gearbeitet, und schon war es passiert: Es passte keines mehr dazwischen! Wir wissen nicht, ob er sich geärgert hat, aber mir macht es den Hersteller über die Jahrhunderte hinweg sofort sympathisch. Und noch sympathischer finde ich die Tatsache, dass das Stück nicht etwa entsorgt, sondern mit dem Fehler verwendet wurde und das Missgeschick die Schönheit der Schale noch nicht einmal wesentlich beeinträchtigt. Bis auf Weiteres habe ich also mein Lieblingsobjekt gefunden …

Fußschale aus Anzefahr
Fußschale aus Anzefahr
Fußschale aus Anzefahr (Aufsicht)
Fußschale aus Anzefahr (Aufsicht)

Autorin: Dr. Irina Görner