Der Antikensaal – Veränderungen eines Museumsraumes

Jedes Jahr findet am letzten Wochenende im Juni der Tag der Architektur statt. Passend dazu hat Frank Pütz, ehemaliger Volontär der Abteilung Bauwesen und Denkmalpflege, sich den Antikensaal im Hessischen Landesmuseum in Kassel einmal genauer angesehen.

Vergleicht man das heutige Erscheinungsbild des Hessischen Landesmuseums mit dem Aussehen, wie es Fotos aus dem Eröffnungsjahr 1913 vermitteln, so scheint sich zunächst wenig verändert zu haben. Und tatsächlich hat die Bausubstanz die Zeitläufte bemerkenswert gut überstanden. Das ist keine Selbstverständlichkeit in einer Stadt wie Kassel, die durch die Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges und der anschließenden Wiederaufbauzeit wesentliche Teile ihrer historischen Bausubstanz verloren hat.

Bei näherem Hinsehen bemerkt man jedoch, dass sich vor allem im Inneren des Gebäudes im Verlauf der letzten 100 Jahre sehr viel verändert hat. Hier wurden die musealen Einrichtungen und damit einhergehend auch die Gestaltung der Räume immer wieder den sich wandelnden Erfordernissen, ästhetischen Strömungen und letztlich auch dem persönlichen Geschmack der jeweiligen Protagonisten angepasst. Am Beispiel des Antikensaals wollen wir uns im Folgenden genauer ansehen, welchen unterschiedlichen Nutzungen und Gestaltungen ein Museumsraum im Lauf der Zeit unterliegen konnte.

 

1913

Von Theodor Fischer war der Saal von Anfang an als Zentrum des Gebäudes geplant worden. Deutlich wurde das vor allem an mehreren Öffnungen zu anschließenden Räumen, die vielfältige Blickbeziehungen ermöglichten. Auch für Museumsdirektor Johannes Boehlau war diese herausgehobene Lage des Raumes wichtig, lag ihm doch als klassischem Archäologen die Antikensammlung naturgemäß besonders am Herzen.

Längsschnitt durch das Museumsgebäude im Zustand von 1913 mit den Blickbeziehungen zwischen den Räumen der Mittelachse. Zeichnung: Astrid Schlegel
Längsschnitt durch das Museumsgebäude im Zustand von 1913 mit den Blickbeziehungen zwischen den Räumen der Mittelachse. Zeichnung: Astrid Schlegel

In seinem Ursprungszustand hatte der Saal einheitlich hellgrau gefasste Wände, vor denen die weißen Marmorskulpturen besonders wirkungsvoll zur Geltung kamen, ohne durch eine allzu kräftige Farbgebung übertönt zu werden. Durch die hochliegenden Fenster des Obergadens und die Oberlichter der Seitenschiffe waren die Exponate optimal beleuchtet. Ein zu den hellen Flächen kontrastierendes Terrakotta-Rot fand sich hingegen an dem Stuckrelief der Eingangswand und in den Kassetten der Decke. Das farbige Relief setzte sich zudem auch im Gewölbe des Durchgangs zur Eingangshalle fort und betonte dadurch die räumliche Kontinuität, die Fischer so wichtig war.

Die dem Eingang gegenüberliegende Stirnwand musste bei der Museumseröffnung zunächst leer bleiben. Eine gemalte Kopie des „Alexandermosaiks“ aus dem Nationalmuseum in Neapel war nicht rechtzeitig fertig geworden. Bis zu deren endgültiger Anbringung Ende 1913 wurde an der Stelle provisorisch ein großer persischer Teppich aufgehängt.

 

1935

In dem beschriebenen Zustand blieb der Raum bis 1935. Damals entstand auf Initiative des Oberpräsidenten der preußischen Provinz Hessen-Nassau, Prinz Philipp von Hessen, im Bellevue-Schloss an der Schönen Aussicht ein „Landgrafenmuseum“. Dort brachte man nun unter anderem die Antikensammlung unter, die durch Bestände der Kurhessischen Hausstiftung wesentlich ergänzt werden konnte.

Im Antikensaal des Landesmuseums richtete Kurt Luthmer, der Nachfolger Boehlaus als Museumsdirektor, stattdessen den sogenannten „Fahnensaal“ ein, der als Ruhmeshalle der alten hessischen Armee gedacht war. Hier sollte nach Auffassung Luthmers „[…] dominierend der heroische Gedanke in der Kriegsgeschichte des Landes, die Soldatentugenden und die bewährte hessische Treue zur Geltung gebracht werden“. Das Zitat und die Raumkonzeption lassen den omnipräsenten Militarismus ihrer Entstehungszeit offensichtlich werden.

Für die neue Nutzung wurde der Raum architektonisch völlig umgestaltet: Die Seitenschiffe und die südseitige Öffnung zum 1. Obergeschoss wurden zugemauert, das den Eingang rahmende Relief verschwand, die Öffnung zum Wappensaal wurde verkleinert. Einen neuen Türdurchbruch gab es dagegen zu dem im Erdgeschoss nach Süden anschließenden Ausstellungsraum.

Die Umgestaltung führte im Übrigen dazu, dass der bis dahin als „Ehrensaal“ dienende Wappensaal funktionslos wurde. Es war vorgesehen, ihn in einer weiteren Bauphase ebenfalls stärker zu verändern, wozu es aber vor Beginn des Zweiten Weltkrieges nicht mehr kam.

Der 1936 eröffnete „Fahnensaal“, in der Raummitte die Präsentation der „Kasseler Türkenbeute“]
Der 1936 eröffnete „Fahnensaal“, in der Raummitte die Präsentation der „Kasseler Türkenbeute“

 

1956

Da bei Kriegsende 1945 alle Kasseler Museumsgebäude außer dem Landesmuseum zerstört waren, mussten unter anderem die von ihren Evakuierungsorten zurückkehrenden Gemälde der Staatlichen Kunstsammlungen hier untergebracht werden, wo sie möglichst schnell auch wieder öffentlich gezeigt werden sollten. Das geschah in den folgenden Jahren im Rahmen wechselnder Ausstellungen. Im ehemaligen Antikensaal fanden dabei zumeist großformatige Bilder Platz. Im Frühjahr 1956 kamen endlich auch einige Hauptwerke der Gemäldesammlung nach Kassel zurück, die 1942 nach Wien ausgelagert worden waren. Der Antikensaal als größter Raum des Hauses bot genügend Platz, die heimgekehrten Schätze auszupacken.

Die weiterhin zugemauerten Seitenschiffe wurden unterdessen als Ausstellungsräume des astronomisch-physikalischen Kabinetts genutzt. Die engen, schlauchartigen Räume waren nur von einer Seite her zugänglich und erfüllten damit ihren Zweck mehr schlecht als recht. Hausintern trug ihnen das die wenig schmeichelhaft gemeinte Bezeichnung „Katakomben“ ein.

 

1962

Unter der Ägide von Erich Herzog, dem neuen Direktor der Staatlichen Kunstsammlungen, sollten die räumlichen Unzulänglichkeiten 1962 durch eine radikale Neuplanung für das bauliche Zentrum des Landesmuseums gelöst werden: Der Mitteltrakt mit dem ehemaligen Antikensaal sollte abgebrochen und – unter Einbeziehung des bestehenden Haupttreppenhauses – durch einen viergeschossigen Neubau ersetzt werden. Das Staatsbauamt Kassel fertigte dafür Entwürfe an, die zeittypische Rasterfassaden zu den beiden Innenhöfen hin vorsahen. Zur Umsetzung der Pläne kam es jedoch nicht, wahrscheinlich aus finanziellen Gründen.

 

1972

Um trotz der nicht verwirklichten Neubaupläne wenigstens etwas „Modernität“ in das Museumsgebäude hineinzubringen, mit dessen bauzeitlicher Gestaltung man offenbar längst schon nichts mehr anfangen konnte, wurde der Antikensaal 1972 erneut verändert: Anlässlich der in diesem Jahr stattfindenden Ausstellung „Johannes Kepler und seine Zeit“ erhielt er auf halber Raumhöhe eine rasterförmige Zwischendecke. Die noch vorhandene Öffnung in Richtung Wappensaal wurde nun ebenfalls zugemauert. Der Entwurf für den Umbau stammte von dem Grafiker und Ausstellungsgestalter Dieter von Andrian, der wenig später auch an der Einrichtung des Tapetenmuseums im 1. Obergeschoss des Landesmuseums sowie der Antikensammlung in Schloss Wilhelmshöhe beteiligt war.

Blick vom Eingang nach Süden mit der Kepler-Ausstellung, 1972
Blick vom Eingang nach Süden mit der Kepler-Ausstellung, 1972

Nach dem Ende der Kepler-Ausstellung verblieben die neuen Einbauten weiterhin im Raum. Er stand von nun an dem Astronomisch-Physikalischen Kabinett dauerhaft zur Verfügung, bis die Sammlung 1992 in die Orangerie in der Karlsaue umzog. Damit wurden im Landesmuseum Räume frei, die zur Erweiterung der Ausstellung zur Vor- und Frühgeschichte genutzt werden sollten. Auch der Antikensaal war dafür vorgesehen, er erfuhr zunächst jedoch noch mehrere provisorische Zwischennutzungen.

 

1994-2000

Die Staatlichen Museen Kassel übernahmen 1994 einen großen Teil der privaten volkskundlichen „Sammlung Krug“, deren Bestände im leerstehenden Antikensaal eingelagert wurden. Da die Trennwände zu den Seitenschiffen inzwischen wieder abgebrochen worden waren, stand hier genügend Platz zur Verfügung.

Provisorische Einlagerung von Beständen der „Sammlung Krug“. An der nördlichen Eingangswand sind bereits Sondierungen für eine Wiederherstellung der bauzeitlichen Gestaltung zu erkennen, 1994
Provisorische Einlagerung von Beständen der „Sammlung Krug“. An der nördlichen Eingangswand sind bereits Sondierungen für eine Wiederherstellung der bauzeitlichen Gestaltung zu erkennen, 1994

Nach der sachgemäßen Magazinierung der „Sammlung Krug“ konnte mit der Instandsetzung des Saales für Ausstellungszwecke begonnen werden. Ziel war es, das ursprüngliche Erscheinungsbild möglichst weitgehend wiederherzustellen. Dazu wurden vor allem der noch immer unter einem grauen Teppichboden von 1972 verborgene Gipsestrich mit seinen Mosaikeinlagen sowie die Öffnung zum Wappensaal freigelegt. Auf der Südseite wurde die 1935 durchgebrochene Tür zum anschließenden Ausstellungsraum wieder zugemauert. Eine Wiederherstellung der Öffnungen zum 1. Obergeschoss war hingegen nicht möglich, da sich dort das Tapetenmuseum mit seinen oft raumfüllenden Einbauten befand, für die buchstäblich jeder Quadratmeter Wandfläche dringend benötigt wurde.

Wie schon einmal in den 1950er und 1960er Jahren wurden zwischen 1997 und 2000 während des Umbaus von Schloss Wilhelmshöhe einige Gemälde der Sammlung Alte Meister im Antikensaal ausgestellt.

Blick nach Südosten mit ausgestellten italienischen Gemälden der Sammlung Alte Meister, 1997
Blick nach Südosten mit ausgestellten italienischen Gemälden der Sammlung Alte Meister, 1997

Die kurze Zeit zwischen der Abhängung der Gemälde und der endgültigen Einrichtung der vor- und frühgeschichtlichen Präsentation wurde im Sommer 2000 dazu genutzt, die Stuckeinfassung an der Eingangswand des Saales zu rekonstruieren. Damit war die Wiederannäherung an den bauzeitlichen Zustand vorerst abgeschlossen und das bauliche Zentrum des Landesmuseums nach mehr als vierzig Jahren wieder als solches erlebbar geworden. Der Raum präsentierte jetzt zwar keine antiken Skulpturen mehr, stattdessen aber einen ebenso eindrucksvollen bronzezeitlichen Grabhügel in seiner Mitte.

 

2010

Die Präsentation der Vor- und Frühgeschichte bestand bis zum Herbst 2008, als das Museum im Vorfeld der aktuellen Baumaßnahme geschlossen wurde. Im Rahmen der Räumung und des Umzuges der Sammlungsbestände leistete der Saal noch einmal wertvolle Dienste: Aufgrund seiner Fläche konnte hier problemlos ein großes Begasungszelt aufgestellt werden. Dieses wurde benötigt, um organisches Material, also beispielsweise Möbel oder Textilien, von etwaigen Schädlingen zu befreien, die keinesfalls in das neue Depot eingeschleppt werden durften.

Das Begasungszelt nahm einen Großteil der Raumfläche ein, 2010
Das Begasungszelt nahm einen Großteil der Raumfläche ein, 2010

 

Gegenwart und Zukunft

Im Zuge der derzeitigen Baumaßnahme kann der Raum noch weiter seinem Zustand von 1913 angenähert werden, als das bei der letzten Instandsetzung möglich war. Damals musste die Erneuerung der Öffnungen zum Treppenhaus und zum Wappensaal mit dem Einbau einer Brandschutzverglasung erkauft werden, die zwar versuchte, sich gestalterisch anzupassen, dabei aber mit ihrer technisch bedingten rasterförmigen Unterteilung wenig elegant wirkte und die Öffnungen architektonisch nicht so recht wirksam werden ließ. Eine neue Verglasung, die an dieser Stelle aus Brandschutzgründen auch weiterhin notwendig ist, kann heute hingegen ohne Unterteilung ausgeführt werden. Mit der zusätzlichen Wiederherstellung der südseitigen Raumöffnung zum 1. Obergeschoss hat der Saal jetzt nicht nur seine ursprüngliche Offenheit, sondern auch seine Funktion als Mittel- und Orientierungspunkt innerhalb des Hauses zurückgewonnen. Glücklicherweise haben sich die 1935 entfernten schmiedeeisernen Brüstungsgitter der Raumöffnungen bis auf eines erhalten. Sie werden zur weiteren Vervollständigung des Raumbildes wieder eingebaut; das fehlende wird nach dem Muster der vorhandenen nachgefertigt. Über alle Nutzungs- und Umgestaltungsphasen hinweg ebenfalls erhalten geblieben ist die bauzeitliche Kassettendecke einschließlich der elektrischen Beleuchtung mit ihren Messingfassungen.

Zur weiteren Verdeutlichung der bauzeitlichen Raumkonzeption, die ja sehr weitgehend auf die optimale Präsentation der antiken Skulpturen ausgerichtet war, sollen in Zukunft Gipsabgüsse von zwei der ursprünglich hier gezeigten Antiken aufgestellt werden. Darüber hinaus wird der Saal als Veranstaltungsraum für Vorträge und Ausstellungseröffnungen oder für kleinere Ausstellungen dienen.

Autor: Frank Pütz