Es ist Reisezeit…

…und der Sommerurlaub steht vor der Tür! Genau der richtige Zeitpunkt, um mal darüber nachzudenken, ob die Menschen das Fernweh eigentlich schon immer gepackt hatte oder ob es sich dabei doch eher um ein neuzeitliches Phänomen handelt. Bei der Frage, ob auch die Menschen in vorgeschichtlicher Zeit bereits Reisen unternommen haben, dürften wir strenggenommen eigentlich nicht von „Reisen“ sprechen, denn unsere Reise in den Sommerurlaub ist nur eine Variante des „Verreisens“. So gibt es durchaus unterschiedliche Anlässe: Eine Geschäftsreise, ein Verwandtenbesuch, eine Bildungsreise, eine Pilgerreise und ein Badeurlaub lassen sich jedenfalls nicht gut miteinander vergleichen. Während wir für die reine Urlaubsreise in der Vorgeschichte eher keine Beispiele finden, lassen sich für einige der anderen Varianten durchaus Belege anführen.

Blattspitze aus Feuerstein von Kassel-Nordshausen
Blattspitze aus Feuerstein von Kassel-Nordshausen

Da Schriftquellen in prähistorischer Zeit fehlen, sind wir für den Nachweis solcher Reisen auf die materiellen Hinterlassenschaften unserer Vorfahren angewiesen. Dabei bietet das einförmige Fundspektrum der Altsteinzeit, das mehr oder weniger ausschließlich aus Steingeräten besteht, eine eher ungünstige Ausgangslage. Aber selbst in der Jahrhunderttausende zurückliegenden Altsteinzeit lassen sich vereinzelt Hinweise auf – vorsichtig formuliert – Kontakte in weit entfernte Gegenden finden. So kommen bestimmte Gesteinsarten, die sich gut zur Anfertigung von Steinwerkzeugen eignen, in Nordhessen nicht vor. Der bekannte Feuerstein stammt beispielsweise aus Norddeutschland oder Nordwestdeutschland. Manche Geräte, wie eine sorgfältig gearbeitete so genannte Blattspitze aus Kassel-Nordshausen, bestehen aber trotzdem aus diesem Rohmaterial. Vor 35000 Jahren muss also jemand entweder das Objekt oder wenigstens einen geeigneten Feuersteinbrocken dafür „beschafft“ haben. Was liegt näher als eine Reise – in dem Fall eine Geschäftsreise – nach Norddeutschland anzunehmen?

Beilklinge aus Jadeit aus Kassel
Beilklinge aus Jadeit aus Kassel

Mit dem Übergang zu Ackerbau, Viehzucht und zur sesshaften Lebensweise ab 5500 v. Chr. wird der Hausrat vielfältiger und damit auch die Chance größer, Objekte zu entdecken, die aus dem üblichen Fundspektrum herausfallen. So finden sich im Fundmaterial der Jungsteinzeit immer wieder Gegenstände aus fremden, manchmal exotischen Rohmaterialien, wie etwa eine in Kassel entdeckte Steinbeilklinge aus grünlichem Jadeit aus der Periode der Michelsberger Kultur (4300 – 3500 v. Chr.). Die dafür verwendeten Jadeitvorkommen liegen im Nordwesten Italiens in 1200 – 2400 m Höhe, also in über 1000 km Entfernung. Allerdings ist in diesem Fall eher nicht anzunehmen, dass der nordhessische Besitzer dieses Stückes persönlich in die Alpen gefahren ist. Beile dieser Art finden sich im gesamten mitteleuropäischen Raum und dürften daher weit verhandelt worden sein.

Sicher selbst gereist sind allerdings einige Menschen der Bandkeramischen Kultur (5500 –  4800 v. Chr.). Sie brachten ab 5500 v. Chr. bei ihrer Wanderung aus dem ungarischen Raum nach Mitteleuropa die bäuerliche Lebensweise mit Ackerbau und Viehzucht mit. Dass hier nicht nur das Konzept einer neuen Lebensweise auf dem Kommunikationsweg nach Norden gelangte, ist eindeutig: Einige der Haustiere, Schafe und Ziegen, kommen in Mitteleuropa nicht wild vor. Da allein reisende Schafe und Ziegen kaum wahrscheinlich sind, müssen wandernde Kleingruppen die Haustiere mitgebracht haben. Allerdings muss man hier vielleicht eher von Migration als von einer Reise sprechen, denn diese Gruppen waren schließlich gekommen, um zu bleiben, und befanden sich nicht auf einem kurzfristigen Besuch in Mitteleuropa.

Auch eine junge Frau aus der Bronzezeit war wohl nicht nur zu Besuch in Hessen, als sie vor rund 3500 Jahren verstarb und im osthessischen Molzbach in einem Grabhügel beigesetzt wurde. Sie stammte vermutlich aus dem böhmisch-ungarischen Raum, wie ihr auffälliger Trachtschmuck verrät. Die exotische Tracht mit breitem Blechgürtel und Halsschmuck war in Hessen absolut unüblich, ihrer Besitzerin aber offenbar lieb und teuer, denn sowohl der Gürtel, als auch der Halsschmuck waren bereits geflickt worden. Vielleicht konnten die einheimischen Handwerker derartiges nicht herstellen, sodass kein Ersatz zu bekommen war. Warum und wie die Frau von Molzbach nach Osthessen kam, bleibt ungeklärt. Man könnte sich jedoch vorstellen, dass die Frau nach Hessen eingeheiratet hat. Vielleicht hatte sie auf einer Reise einen Hessen kennen gelernt…

Trachtbestandteile der Frau von Molzbach
Trachtbestandteile der Frau von Molzbach

In den bisherigen Beispielen zeigt sich bereits die Schwierigkeit, die Reise einer konkreten Person nachzuweisen: Objekte, die in Hessen „fremd“ sind, finden sich in Hülle und Fülle in der vorgeschichtlichen Sammlung der Museumslandschaft Hessen Kassel. Allerdings lässt sich kaum je sicher sagen, ob die Gegenstände auf dem Handelsweg, also quasi „von Hand zu Hand“, durch eine reisende Person als „Mitbringsel“ oder als persönliches Eigentum in die Fremde gelangt sind. Fundzusammensetzungen wie im Grab der Frau von Molzbach sind daher seltene und glückliche Zufälle.

Theoretisch gibt es seit einigen Jahren die Möglichkeit, durch naturwissenschaftliche Reihenuntersuchungen an Knochen und Zähnen von Verstorbenen zumindest ab und an Personen ausfindig zu machen, die in einer anderen Region verstarben als sie aufgewachsen sind. Dazu werden die Isotopenverhältnisse, vor allem der unterschiedlichen Strontiumisotope untersucht. Strontium kommt als Spurenelement in allen Gesteinen in unterschiedlichen Konzentrationen vor und wird durch Verwitterungsprozesse freigesetzt. Der Mensch nimmt es mit der Nahrung und dem Trinkwasser auf, wodurch es sich im Laufe des Lebens in Knochen einlagert. So bildet sich je nach Region eine spezifische Signatur dieser Isotopenverhältnisse. Ändert sich der Lebensraum der Person, verändert sich auch das Isotopenverhältnis, was dann im günstigsten Falle Auskunft über deren Herkunft geben kann. Das klingt im ersten Moment nach einer verlockenden Methode, jedoch benötigt man nicht nur eine Analyse von Proben des fraglichen Reisenden, sondern auch noch eine größere Vergleichsserie weiterer Funde der gleichen Region. Um das Herkunftsgebiet des „Fremden“ ausfindig zu machen, braucht man zudem Vergleichsproben aus der – oftmals jedoch nur grob zu vermutenden – ursprünglichen Heimat des Toten. Manchmal lassen sich aber selbst dann keine Aussagen treffen, etwa wenn die Gesteinszusammensetzung in den beiden Gebieten zu ähnlich ist. Ein solcher Nachweis gelingt daher bisher noch selten, die Methode lässt jedoch hoffen, dass man in der Zukunft öfter Aussagen zur Mobilität einzelner Individuen treffen kann.

Darstellung eines Rindergespannes mit Karren auf einem Wandstein des Grabes von Züschen
Darstellung eines Rindergespannes mit Karren auf einem Wandstein des Grabes von Züschen

Aber auch ohne sicheren Nachweis liegt es nahe, dass der eine oder andere durchaus in prähistorischer Zeit reiste. Sei es um Verwandte zu besuchen, zu heiraten, Rohstoffquellen zu finden, neue Handelskontakte zu knüpfen oder vielleicht auch, um sich in der Fremde anzusiedeln. Mancher war vielleicht auch auf der Flucht. Die meisten Menschen der Vorgeschichte dürften jedoch ihre engere Heimatregion ohne Notwendigkeit nur selten verlassen haben, denn wenn heute die Reisezeit als „schönste Zeit des Jahres“ gilt, war eine Reise vor tausenden von Jahren mühsam und risikoreich. Weder gab es gut ausgebaute Wege, noch bequeme Transportmittel. Anfangs war man auf die eigenen Füße angewiesen, eventuelles Gepäck musste getragen werden. Erst ab etwa 3500 v. Chr. können wir mit ersten, von Rindern gezogenen Karren rechnen, wie sie im Grab von Züschen als Ritzzeichnung abgebildet sind. Allerdings erscheinen diese, auch wegen des fehlenden Wegenetzes, kaum für den Ferntransport geeignet. Das Pferd ist als Zug- und Reittier in Nordhessen erst seit der Bronzezeit ab etwa 1500 v. Chr. gesichert. Bei solchen Voraussetzungen ist verständlich, dass man nicht auf die Idee kam, mal eben zum bloßen Vergnügen in die Berge oder ans Meer zu reisen: Zu Fuß hätte man beispielsweise von Kassel an die Nordsee rund 14 Tage gebraucht, das wäre doch eine ziemlich lange Anreise für einen Urlaub gewesen! Allerdings wäre man dann bei der Ankunft vermutlich definitiv urlaubsreif gewesen…

Autorin: Dr. Irina Görner