Die feierliche Eröffnung des Landesmuseums am 23. August 1913 – ein neuer Bau, ein neuer Inhalt, neue Aufgaben

Heute vor 102 Jahren, am 23. August 1913, wurde das Hessische Landesmuseum feierlich eingeweiht. Die ersten Ideen für einen neuen Bau hatte Dr. Johannes Boehlau, von Haus aus klassischer Archäologe und erster Direktor des neuen Museums, schon fünfzehn Jahre zuvor entwickelt – zunächst primär mit dem Ziel verbunden, für die bis dahin unzulänglich präsentierten Sammlungsbestände des Königlichen Museums Fridericianum einen angemessenen Rahmen zu schaffen. Bald kamen neue Inhalte und neue Aufgaben hinzu: Das museale Konzept entwickelte Boehlau nach dem Vorbild des Schweizerischen Landesmuseums, das ihn nachhaltig beeindruckt hatte. Das neue Museum sollte sowohl der Vermittlung der Kunst-, Kultur- und Landesgeschichte Nordhessens als auch der Volksbildung, der ästhetischen Erziehung und der künstlerischen Förderung des Handwerks dienen. Folgerichtig bezog Boehlau in seine Überlegungen nicht nur die fürstlichen Sammlungen, sondern auch die Sammlungen der Stadt Kassel, des hessischen Geschichtsvereins sowie des Gewerbevereins ein. Bereits in diesem frühen Stadium holte er seinen Vetter Theodor Fischer ins Boot, der ihn dabei unterstützte, das museale Konzept in ein Raumprogramm und schließlich in konkrete architektonische Entwürfe zu überführen.

Das Hessische Landesmuseum, 1911
Das Hessische Landesmuseum, 1911

Noch mehrere arbeitsreiche Jahre sollten für Boehlau vergehen, bis die Finanzierung geklärt, das Baugrundstück beschafft und die künftigen Sammlungsbestände erworben waren. Im Herbst 1910 konnte endlich mit dem Bau begonnen werden. Die Bauleitung vor Ort übernahm der preußische Regierungsbaumeister Moritz Hane, der diese schwierige Aufgabe so kompetent bewältigte, dass das Museum nach nur knapp drei Jahren Bauzeit vollendet war. Fischer konnte sich also voll und ganz auf seinen Bauleiter verlassen, so dass er – sehr zum Verdruss Boehlaus – während der Bauzeit nur wenige Male selbst nach Kassel kam: Er entschuldigte sich bei seinem Vetter, dass er „vermeiden wollte, als geschäftiger Inspizient unter Umständen unbequem zu werden, und eine häufig auftretende Sehnsucht nach dem Bau, der mir sehr am Herzen liegt, unterdrückte, bin ich nun in den Schein der Interesselosigkeit geraten und kann sehen, wie ich mich wieder daraus rette. Die fast stehende Redensart unseres Freundes Hane ‚Ihr Kommen ist durchaus nicht nötig, da Alles seinen glatten Verlauf nimmt‘, hat mich manchmal abgehalten, den Weg über Cassel zu suchen.“ Diese Worte spiegeln beispielhaft die sehr vertrauensvolle, freundschaftliche Zusammenarbeit zwischen Boehlau, Fischer und Hane wider.

Der Antikensaal mit Blick nach Norden, 1913
Der Antikensaal mit Blick nach Norden, 1913

Die Einweihungsfeier des neuen Landesmuseums fand am 23. August 1913 im Antikensaal mit seiner „strengen Feierlichkeit“ statt; mit dem etwas weniger strengen Überrock hatten die geladenen Gäste die Kleiderordnung aber bereits erfüllt. Theodor Fischer hatte sich das musikalische Rahmenprogramm vorher genau überlegt und an Boehlau telegraphiert: „empfehle bei beginn beethoven quartett fdur opus 18 erster satz zum schluss septett esdur opus 20 erster satz dazwischen vielleicht lied fuer alt keinesfalls maennerchor = theodor“. Letztlich eröffnete das Kammermusikquartett des Königlichen Theaterorchesters mit dem von Fischer empfohlenen Stück, während die Musica sacra den Festakt mit dem Madrigal „Auf, auf zu Gottes Lob“ des Barockkomponisten Johann Wolfgang Franck beschloss. Neben den wichtigsten Projektbeteiligten waren auch die staatlichen und städtischen Behörden sowie zahlreiche Museumsdirektoren geladen. Das Geheime Zivilkabinett musste Kaiser Wilhelm II., der das Museumsprojekt mit großem Interesse verfolgt hatte, entschuldigen, da „Seine Majestät zu AllerhöchstIhrem Bedauern wegen anderweitiger Dispositionen der Eröffnung des Hessischen Landesmuseums nicht beiwohnen“ könne. In Abwesenheit des Kaisers eröffnete Kultusminister von Trott zu Solz die Feier und überreichte die Auszeichnungen: Die Ehrung von Theodor Fischer schien zunächst an den Hürden der preußischen Bürokratie zu scheitern, „da er vermutlich nicht die preußische Staatsangehörigkeit besitzt und die Erwirkung einer Auszeichnung an einen Ausländer bei dem vorgeschriebenen Instanzengange zeitraubend ist.“ Letztlich wurde ihm jedoch der Rote Adlerorden III. Klasse verliehen. Johannes Boehlau erhielt den Königlichen Kronenordnen III. Klasse, und Moritz Hane bedachte man auf Boehlaus Empfehlung hin mit dem Kronenorden IV. Klasse.

Das fertiggestellte Landesmuseum, 1913
Das fertiggestellte Landesmuseum, 1913

Der neue Museumsbau fand nicht nur in Kassel, sondern auch überregional Anerkennung. Das Casseler Tagblatt konstatierte: „Wie im Aeußern, so ist auch im Innern das Casseler Museum der Typus eines modernen Museums geworden“, und die Frankfurter Zeitung schwärmte sogar, die Stadt sei „um eine hervorragende Sehenswürdigkeit, und die Museumsbauten Deutschlands um einen Bau von neuer und vorbildlicher Art bereichert worden. Strenge Sachlichkeit, unter Verzicht auf allen überflüssigen dekorativen Schmuck, feine Empfindung für die Farbigkeit des Materials und Großzügigkeit in der Raumgestaltung verbinden sich zu einer harmonischen Gesamtleistung.“ Die klare Architektursprache und eine zurückhaltende Ausstellungsgestaltung schufen den richtigen Rahmen für eine angemessene Präsentation der Exponate. Modern wollten Boehlau und Fischer sein, nicht aber modisch. So wie Fischer aus den überlieferten Bautraditionen schöpfte, um den Bezug zwischen Vergangenheit und Gegenwart herzustellen, so knüpfte auch Boehlau an die Geschichte an. Seine Eröffnungsrede am 23. August 1913 beschloss er folgendermaßen: „Es ist alles neu geworden: ein neuer Bau, ein neuer Inhalt, neue Aufgaben. Aber in dem neuen Museum wollen wir auch die alten Traditionen hochhalten. […] Und wie das alte Museum so ist auch das neue dem Dienst des Landes in Hessen gewidmet, dessen geistige und materielle Kultur es zu fördern bestimmt ist. Möge ihm Gelingen seiner Arbeit beschieden sein.“

Das Hessische Landesmuseum, 2015
Das Hessische Landesmuseum, 2015

Dem Landesmuseum war durchaus Gelingen beschieden. Als einer der wenigen öffentlichen Profanbauten Kassels überstand es den Zweiten Weltkrieg beinahe unbeschadet. Auch die wechselnden musealen Nutzungen beließen die Grundsubstanz des Gebäudes nahezu unversehrt. Nach dem Auszug der letzten Sammlungen und dem Rückbau der teilweise raumfüllenden Ausstellungseinbauten 2011 trat der Fischer-Bau wieder zutage: Der Museumsbau zeigte nun eine ungeahnte Klarheit, Offenheit und Großzügigkeit. Da sich die solide Architektur Theodor Fischers bis heute bewährt hat, setzt das Architekturbüro HG Merz ein sehr zurückhaltendes Instandsetzungskonzept um, das die ursprünglichen Strukturen wieder deutlich herausarbeitet, gleichzeitig den alten Bau aber auch mit neuen Inhalten in einer zeitgemäßen Formensprache füllt. Auf die Museumslandschaft Hessen Kassel kommen damit neue Aufgaben zu, und wir hoffen, dass sich das Landesmuseum nach seiner Wiedereröffnung eines regen Zulaufs erfreuen wird.

Autorin: Astrid Schlegel (Leitung Abteilung Bauwesen und Denkmalpflege)

 

 

 

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