Mein Freiwilliges Jahr in der volkskundlichen Sammlung

Mein Name ist Annika Breuker und ich bin seit September 2014 als Freiwillige im Rahmen eines Freiwilligen Sozialen Jahres (FSJ) Kultur in der volkskundlichen Sammlung der Museumslandschaft Hessen Kassel (MHK) tätig. Bereits in der Schule hatte ich im Leistungskurs Geschichte festgestellt, dass ich gerne weiter geschichtswissenschaftlich arbeiten würde. Ich kam schließlich auf die Idee, mich für ein FSJ zu bewerben, da ich nach dem Schulabschluss praktische Erfahrungen sammeln wollte, bevor ich mich für ein Studium entschied. Von den Freiwilligen, die unter anderem in Schulen, Museen und Theatern ihr FSJ Kultur machen, wird jedes Jahr ein Projekt gefordert, das eigenständig geplant, durchgeführt und dokumentiert werden soll. Durch die Diversität der Einsatzstellen zeichnete sich schnell eine Menge an unterschiedlichen Projektideen ab. Und als ich schließlich mein FSJ in der Sammlung Volkskunde antrat, stellte sich auch mir die Frage: Welchem Thema soll mein Projekt gewidmet werden?

Ich hatte nach längerem Überlegen die Idee, mich näher mit einem Nachlass aus Fuldatal-Ihringshausen bei Kassel zu beschäftigen, der sich seit 2012 in Besitz der volkskundlichen Sammlung befindet. Hierzu gehörte zunächst einmal die Transkription von über 300 größtenteils handschriftlich verfassten Dokumenten – eine Arbeit, die viel Zeit in Anspruch nahm.

Ein Großteil der Briefe wurde in der bis Mitte des 20. Jahrhunderts verwendeten deutschen Kurrentschrift verfasst.
Ein Großteil der Briefe wurde in der bis Mitte des 20. Jahrhunderts verwendeten deutschen Kurrentschrift verfasst.

Das langwierige Transkribieren ermöglichte es mir allerdings auch, mich mit den Inhalten der Dokumente intensiv auseinander zu setzen. Besonders interessierte mich dabei die Feldpost, die der Familienvater Wilhelm Schade im Ersten Weltkrieg an seine Familie in Ihringshausen schrieb. Ich entschied mich dafür, mich in meiner Projektarbeit auf Feldpost aus dem Ersten Weltkrieg als historische Quelle am Beispiel der Briefe des Soldaten Schade und seiner Familie zu konzentrieren.

Wilhelm Schade (2. v. l.) mit Kameraden, 5. August 1917
Wilhelm Schade (2. v. l.) mit Kameraden, 5. August 1917

Die anschließende Arbeit mit dem Nachlass erwies sich als neue und sehr lehrreiche Erfahrung: Feldpost war im Geschichtsunterricht in der Schule bisher nur als auf den Zweck des Unterrichts zugeschnittene Quelle vorgekommen, die historische ‘Wirklichkeiten’ anhand von Primärquellen belegen sollte. Die bisherige Herangehensweise an Feldpost war also, sie als einen reinen ‘Faktensteinbruch’ zu verwenden. Bei der Untersuchung des Nachlasses stellte ich aber fest, dass sie sich hier ganz anders präsentierte: Die Briefe und Karten waren nicht auf das historische Lernen zugeschnitten, sondern stellten eine rein private Korrespondenz dar, die nicht auf die Vermittlung historischer Tatsachen abzielt. Die Eheleute Anna und Wilhelm Schade berichten darin vor allem vom Alltag in der Heimat und an der Front, beraten sich über die gemeinsame Landwirtschaft und Viehhaltung und tauschen Neuigkeiten aus dem Verwandten- und Bekanntenkreis aus.

Mithilfe von Fachliteratur konnte ich das Medium Feldpostbrief, wie es tatsächlich im Ersten Weltkrieg Anwendung fand, besser verstehen und in meiner Projektarbeit analysieren. Den Fokus meiner Analyse legte ich schließlich darauf zu untersuchen, was sich aus der scheinbar alltäglichen Korrespondenz der Eheleute Schade auf das Innenleben, das Selbstverständnis und das Verhältnis beider schließen lässt. Dies ist zuletzt nicht nur eine Untersuchung privater Verhältnisse; es lässt sich daraus immer auch auf größere Kontexte schließen. Durch das Beispiel des Nachlasses von Wilhelm Schade können zum Beispiel Aussagen über Geschlechterrollen und Familienbilder des frühen 20. Jahrhunderts getroffen, eingeordnet und gestützt werden.

Insgesamt fand ich die Arbeit an meinem Projekt sehr interessant, da ich eine im Vergleich zum Geschichtsunterricht neue Herangehensweise an historische Quellen erlernt und nicht zuletzt auch viele Erfahrungen mit geschichtswissenschaftlicher Arbeit gesammelt habe, die sich hoffentlich in meinem folgenden Geschichtsstudium noch als nützlich erweisen werden. In diesem Sinne nehme ich aus meinem Jahr als FSJ-lerin der MHK eine Menge an neuen Erfahrungen und Eindrücken mit und kann sagen, dass es sich sehr gelohnt hat.

Autorin: Annika Breuker