Herbstzeit-Sammelzeit

In den letzten Wochen trifft man bei Spaziergängen im Wald immer wieder Menschen, die sich abseits der Wege durchs Dickicht schlagen. Meist haben sie Körbe oder Taschen dabei, und ganz bestimmt ist den wenigsten dieser Pilzliebhaber klar, dass sie sich gerade auf den Spuren mittelsteinzeitlicher Jäger und Sammler bewegen. Denn genau wie diese, vor rund 9000 Jahren, nutzen sie das herbstliche Pilzwachstum im Wald, um ihren Speisezettel zu bereichern. Allerdings ist das Pilzesammeln heute eher ein Freizeitvergnügen, und wenn kein Pilz gefunden wird, ist das nicht schlimm. Für die Menschen des Mesolithikums waren dagegen die Sammelfrüchte des Waldes eine wichtige Ergänzung ihrer Nahrungsvorräte, die sie durch den Winter brachten.

Wildschwein, Fisch und Pilzgericht

Als Mesolithikum oder Mittelsteinzeit wird die Phase der Wiedererwärmung nach dem Ende der letzten Eiszeit bezeichnet. Dieser Zeitabschnitt dauerte etwa von 9500 bis 5500 v. Chr. Die Menschen mussten sich damals an radikal veränderte Bedingungen anpassen: Aus einer baumfreien Steppenlandschaft entwickelte sich in relativ kurzer Zeit ein dichter Wald, der ganz neue Nahrungsgrundlagen bot. Einen Teil ihrer Nahrung verschafften sich die Menschen des Mesolithikums durch die Jagd. Mit Pfeil und Bogen stellten sie Rehen, Wildschweinen und anderen Waldtieren nach.

Viele kleine Feuersteineinsätze machten die Pfeile der mesolithischen Jäger zur wirksamen Jagdwaffe.
Viele kleine Feuersteineinsätze machten die Pfeile der mesolithischen Jäger zur wirksamen Jagdwaffe.

Daneben deckte der Fischfang einen erheblichen Teil der Ernährung ab, aber auch die vielfältigen Sammelfrüchte ergänzten die Vorräte. Zwar beschränkte sich die Sammeltätigkeit nicht auf den Herbst, denn Walderdbeeren, Himbeeren, Brombeeren, Heidelbeeren oder Holunderbeeren sind ja allesamt schon früher im Jahr reif. Allerdings fällt die Saison für drei der wichtigsten Sammelfrüchte in die herbstliche Jahreszeit, und dazu gehören eben auch Pilze.

Marone
Marone
Schirmpilz
Schirmpilz

Da heute nur die wenigsten Sammler alle essbaren Pilze kennen, überrascht ihre große Menge, die während einer Pilzsaison auf einem Quadratkilometer geerntet werden kann: Schätzungen liegen zwischen 5000 und 10000 kg! Man darf also annehmen, dass Pilzgerichte bei den Jägern und Sammlern zu dieser Jahreszeit ein gängiges Essen waren.

Haselnuss und Schimmelpilz

Der herbstliche Wald stellte den Sammlern aber noch weitere wertvolle Sammelfrüchte zur Verfügung. Manche davon kennen und schätzen wir noch heute, wie beispielsweise die Haselnuß. In den Wäldern, die sich nach der letzten Eiszeit in Deutschland wieder ausgebreitet haben, spielten Haselnusssträucher als Pionierpflanzen eine wichtige Rolle. Gut für die mittelsteinzeitlichen Sammler: Man schätzt, dass pro Hektar Wald rund 500 kg Haselnüsse gesammelt werden konnten. Um sie längere Zeit lagerfähig zu machen, mussten sie geröstet werden. Denn tat man dies nicht, bestand die Gefahr, dass sich Schimmelpilze bildeten oder die Nüsse nach einiger Zeit ranzig wurden. Mit ihrem hohen Fettgehalt von bis zu 60 % waren sie für die Menschen des Mesolithikums jedenfalls ein wichtiger Energielieferant.

Zwei Haselnüsse
Zwei Haselnüsse

Schweinemast und Eichelbrei

Die dritte, heute weitgehend in Vergessenheit geratene Nahrungsquelle im herbstlichen Wald sind Eicheln. Schätzungen gehen davon aus, dass eine einzige ausgewachsene Eiche pro Jahr weit über 500 kg Eicheln produziert. Sie enthalten bis zu 50 % Stärke und sind damit ernährungstechnisch ähnlich wertvoll wie Getreide. Einen Haken hat die Sache allerdings, denn durch die Bitterstoffe sind Eicheln für den menschlichen Sofortverzehr ungeeignet. Trotzdem kann man sie nutzbar machen. So dienten sie im Mittelalter vor allem zur Schweinemast; in Notzeiten – und das gilt noch für die Zeit nach dem 2. Weltkrieg – wurden sie auch vom Menschen verspeist. Um die wasserlöslichen Bitterstoffe zu entziehen, mussten sie geschält und anschließend geröstet oder gekocht werden. Die von den Bitterstoffen befreiten Eicheln wurden dann gemahlen oder zerstoßen und als Brei oder Fladen zubereitet. Auch wenn Eicheln heute den wenigsten noch als Mahlzeit ein Begriff sind, werden sich einige vielleicht noch an ihren Gebrauch als Kaffeeersatz in den Erzählungen ihrer Großeltern erinnern.

Eichel
Eichel

Die drei wichtigsten herbstlichen Sammelfrüchte des Mesolithikums hätten wir damit aufgezählt. Der eine oder andere wird dabei vielleicht die Samen der Rotbuche vermissen: die Bucheckern. Bestimmt hätten die Menschen des Mesolithikums gerne auch auf diese Sammelfrucht zurückgegriffen. Leider war die Buche zu dieser Zeit in unserer Region aber noch nicht wieder heimisch. Sie wanderte erst ab dem Ende der Jungsteinzeit, vor rund 4800 Jahren, allmählich wieder in Mitteleuropa ein.

Autorin: Dr. Irina Görner