Von Speiseschwertern und Teufelszinken

Das Messer – welches vom Althochdeutschen mezzir oder mazsahs kommend so viel wie „Speiseschwert“ bedeutet – ist neben dem Löffel das älteste und bis ins 16. Jahrhunderts mit diesem oftmals einzige Esswerkzeug bei Tisch.

Zwei Löffel aus Achat, vergoldetem Silber und Email, 1. Drittel 18.Jh., Hessen
Zwei Löffel aus Achat, vergoldetem Silber und Email, 1. Drittel 18.Jh., Hessen

Im Mittelalter waren einfache Gebrauchsmesser und Löffel aus Holz oder Horn als persönliches Essbesteck üblich, die spätestens ab dem 15. Jahrhundert in einem Lederfutteral am Gürtel mitgeführt wurden. Dieser lederne Köcher wurde ursprünglich als Besteck bezeichnet und war damit Namensgeber unseres heutigen Bestecks als zusammenpassende Garnitur verschiedener Esswerkzeuge. Die dreizinkige Gabel, nicht zu verwechseln mit der zweizinkigen Vorlegegabel, sollte nördlich der Alpen jedoch erst wesentlich später und gegen große Widerstände ihren Platz als persönliches Essgerät finden.

Besteck mit Elfenbeingriffen, um 1640, Deutschland
Besteck mit Elfenbeingriffen, um 1640, Deutschland

 

Denn wegen ihrer Zinken war die Gabel als Werkzeug des Teufels, als „Teufelszinken“ und Zeichen sündhafter Verweichlichung verpönt. In den Klöstern war die Benutzung der Gabel daher sogar lange Zeit ausdrücklich untersagt, und noch 1518 soll Martin Luther ausgerufen haben: „Gott behüte mich vor Gäbelchen.“ Dabei war die Gabel bereits in der Antike bei der griechischen und römischen Oberschicht bekannt. In Mitteleuropa ist der Gebrauch der Gabel bei Tisch zuerst im 11. Jahrhundert für Venedig belegt. Vermutlich von Byzanz kommend breitete sie sich als persönliches Essgerät von dort in ganz Italien aus und wurde mit der Heirat Katharina de‘ Medicis mit dem späteren König Heinrich II. im Jahr 1533 auch in Frankreich eingeführt. Und so war es schließlich Sonnenkönig Ludwig XIV. (1638 – 1715) der den Gebrauch der Gabel als Esswerkzeug bei Tisch auch an den nichtitalienischen Fürstenhäusern in Mode bringen sollte.

 

Hölzernes Besteckpaar mit Satyrkopf,  letztes Viertel 16. Jh., Süddeutschland oder Frankreich
Hölzernes Besteckpaar mit Satyrkopf,
letztes Viertel 16. Jh., Süddeutschland oder Frankreich

 

Doch noch 1608 berichtet der englische Gelehrte, Schriftsteller und Abenteurer  Thomas Coryate anlässlich seiner Reise durch Kontinentaleuropa: „Jetzt muss ich etwas erzählen, über das ich schon hätte sprechen sollen, als ich die erste italienische Stadt beschrieb. In allen Städten und Städtchen Italiens, durch die ich kam, sah ich was ich sonst in keinem Land, das ich durchreiste, gesehen hatte, und was, glaube ich, auch bei keiner anderen christlichen Nation zu sehen ist, nämlich alle Italiener und der meisten der hier ansässigen Fremden verwenden beim Essen eine kleine Gabel. Während sie mit einem Messer […] das Fleisch in ihrem Napf schneiden, halten sie es mit der Gabel, die sie in der anderen Hand haben, auf ihrem Teller fest. Ihre Gabeln sind meist aus Eisen oder Stahl, manche auch aus Silber, doch diese werden nur von feinen Herren gebraucht.“[1] Coryate brachte sich von seinen Reisen auch eine Gabel mit nach England, doch sorgte die Benutzung dieses neuartigen Esswerkzeuges in seinem Umfeld für einige Befremdung.

Der europäische Adel trug schließlich seit dem späten 16. Jahrhundert ein persönliches Essbesteck bestehend aus Messer, Löffel und/oder Gabel bei sich, mit dem er sowohl am eigenen Tisch als auch an fremden Tafeln speiste.

Gerade aber an der fürstlichen Tafel spiegelte sich in der Sitzordnung, dem Tischzeremoniell und eben auch in der Kostbarkeit der eigenen Essgeräte die soziale Hierarchie, auf der die Ordnung der höfischen Gesellschaft beruhte. Kunstvoll gearbeitete Löffel, Messer und (später auch) Gabeln besaßen neben ihrem funktionalen Wert deshalb immer auch repräsentative Funktion. Aus wertvollen Materialien gefertigt, gaben sie Auskunft über sozialen Stand, Vermögen und Bildung ihres Besitzers.

Trauerbesteck der Landgräfin Amalie Elisabeth, nach 1637, Gold, Email, Deutschland
Trauerbesteck der Landgräfin Amalie Elisabeth, nach 1637,
Gold, Email, Deutschland

So verwundert es nicht, dass bereits seit dem Ende des 16. Jahrhunderts besonders kunstvoll gearbeitete Bestecke in den Kunstkammern aufbewahrt wurden. Und auch in der neuen Dauerausstellung des Hessischen Landesmuseums in Kassel werden ausgesuchte Stücke ausdem Besitz der hessischen Landgrafen zu bewundern sein.

 

Autorin: Stefanie Cossalter-Dallmann


[1] Thomas Coryate, Coryat’s Crudities hastily gobbled up in Five Months Travels in France, Italy, &c., pub. 1611.