Vom Himmel gefallen: die Regenbogenschüsselchen

Goldener Dreiwirbelstater aus Mardorf.
Goldener Dreiwirbelstater aus Mardorf.

… dass diese Schüsselchen von Kraft der Sonne durch Wirkung influentischer, natürlicher und elementischer Kraft, wenn die Sonne den Regenbogen bescheinet, IN PUNCTO der Zusammenkunft der Sonnenstralen und des Regenbogens gehling erschaffen und also geformiret werden, und hernach herabfallen,[1] würde man heute sicher nicht mehr glauben. Dennoch handelt es sich hier um einen ernst gemeinten Versuch, das Vorkommen der Regenbogenschüsselchen zu erklären. Leonhard Thurneisser (1531-1596), Leibarzt des brandenburgischen Kurfürsten, hat ihn uns aus dem 16. Jahrhundert überliefert, und vielleicht sind Ihnen die Regenbogenschüsselchen ja selber aus Erzählungen bekannt.

Den seltsamen Namen verdanken die Regenbogenschüsselchen ihrer näpfchenartigen Form und dem Umstand, dass sie oft nach starken Regenfällen aus dem Erdreich gespült und bei der Feldarbeit aufgelesen werden. Bis heute kursieren Geschichten, die kleinen Goldstücke seien dort zu finden, wo der Regenbogen auf die Erde trifft. Eine nordhessische Variante erklärt sie als Sternschüsse – Sternschnuppen, die als Sterne oder als Schuppen von Sternen herabgefallen seien. Im Märchen „Die Sterntaler“ der Gebrüder Grimm findet sich diese Vorstellung wieder. Angesichts ihres vermeintlich himmlischen Ursprungs wird auch verständlich, dass den Regenbogenschüsselchen im Volksglauben eine heilende oder glücksbringende Wirkung zugeschrieben wurde. Sie galten beispielsweise als Heilmittel gegen Fieber und Epilepsie, förderlich bei der Geburt und als Schutz vor Blitzschlag, Seuchen und dem Bösen Blick.

Als alte Münzen wurden die Regenbogenschüsselchen spätestens im 18. Jahrhundert erkannt und Mitte des 19. Jahrhunderts erstmals vom Münchner Archäologie-Professor Franz Streber zutreffend den Kelten zugewiesen. Geprägt wurden sie vom 3. bis zur Mitte des 1. Jahrhunderts v. Chr., zunächst nur aus Gold, später dann auch aus Silber und Potin (eine Legierung aus Kupfer und Zinn). Als Vorbilder dienten griechische und römische Münzen, die vermutlich als Sold oder Beutegut in das Gebiet nördlich der Alpen gekommen waren. Im Laufe der Zeit entwickelte sich ein eigenes keltisches Bildprogramm, zu dem unter anderem Darstellungen von Vogelköpfen, Dreiwirbel und halsringartige Motive gehören. Da uns die keltischen Namen für die Münzen nicht bekannt sind, werden sie mit griechischen und römischen Begriffen benannt. So spricht man im Falle der Goldmünzen von Stateren, bei silbernen Stücken von Drachmen und Quinaren.

Die hier abgebildeten Beispiele stammen alle aus einem Münzschatz von Mardorf im Kreis Marburg-Biedenkopf, der im Jahr 1880 von spielenden Kindern gefunden wurde. Im Anschluss an die Entdeckung entspann sich eine hektische Bergungsaktion, an der anscheinend das ganze Dorf beteiligt war: Mit Hacken, Spaten und Messern seien die Dorfbewohner an der Fundstelle zugange gewesen und hätten den Boden aufgewühlt und jedes Stück Ton genau untersucht – so der Bericht eines Augenzeugen.[2] Bei der Vielzahl der Finder ging natürlich viel verloren. Zahlreiche Münzen wurden gleich nach ihrer Bergung an Sammler, Münzhändler und Goldschmiede verkauft, so dass heute nur noch 38 von ursprünglich wohl mehr als 200 Münzen für die wissenschaftliche Auswertung zur Verfügung stehen. Insgesamt 24 davon gehören zum Bestand der vor- und frühgeschichtlichen Sammlung in Kassel. Sie zeigen, dass man auch in Nordhessen – am Rand der keltischen Welt – das keltische Geldwesen kannte. Sie werden auch in der neuen Dauerausstellung zur Vor- und Frühgeschichte im Hessischen Landesmuseum in Kassel zu sehen sein.
Münzen des Schatzfundes von Mardorf.
Münzen des Schatzfundes von Mardorf.
Autor: Andreas Sattler


[1] Zitat nach Ludwig Wamser, Magisches Heidengold – vom Papst geweiht. In: Ludwig Wamser/Rupert Gebhard (Hrsg.), Gold – Magie, Mythos, Macht. Gold der Alten und Neuen Welt. Katalog zur gleichnamigen Ausstellung der Archäologischen Staatssammlung – Museum für Vor- und Frühgeschichte, München, vom 30.11.2001 bis 2.4.2002 (Stuttgart 2001) S. 159.

[2] Zitat nach A. Hammeran, Ein Goldfund. Correspondenzblatt des Gesamtvereins der deutschen Geschichts- und Alterthumsvereine 28, 1880, S. 44.