Von Talglichtern und Kienspänen

KerzeSpätestens seit der Zeitumstellung ist es nicht länger zu leugnen: Mit dem Herbst ist auch die dunkle Jahreszeit angebrochen. Viele werden die langen Sommerabende vermissen. Manch einer freut sich aber auch auf die Adventszeit mit ihren hell erleuchteten Weihnachtsmärkten. Und selbst die Sommerliebhaber müssen zugeben, dass Winterabende bei Kerzenlicht ihren Reiz haben. Die damit verbundene schummrige Beleuchtung ist heute vor allem eine nette Abwechslung; für die Menschen der Vorgeschichte war sie jedoch der Normalzustand. Sobald es draußen dämmerte, mussten die meisten Arbeiten eingestellt werden. Im dunklen Wald lässt sich nichts sammeln, niemand kann am Haus bauen oder Fische fangen, und selbst einen Gang ins nächste Dorf wird man sicher nur ungern auf sich genommen haben. Heute ist natürlich alles einfacher. Die Straßen sind beleuchtet, beim Betreten der Wohnung genügt ein Schalterdruck, und es wird hell. Demgegenüber waren die Möglichkeiten in vorgeschichtlicher Zeit sehr begrenzt.

Das erste alte Beleuchtungsmittel, das uns in den Sinn kommt, sind Kerzen, über die man in vorgeschichtlicher Zeit allerdings noch nicht verfügte. Die ältesten Beispiele kennen wir aus dem Frühmittelalter. Sie bestanden aus Bienenwachs – bis in die frühe Neuzeit hinein ein Luxusgut, das vor allem beim Adel und in den Kirchen zum Einsatz kam. Als Ersatz für das teure Bienenwachs gab es so genannte Unschlittkerzen. Statt Wachs fanden hier geronnene tierische Fette, wie Rindertalg, Verwendung. Diese Kerzen rußten sehr stark, und das verbrennende Fett roch gewöhnungsbedürftig. Heutige Kerzen bestehen meist aus Stearin – ebenfalls ein Produkt auf Basis pflanzlicher oder tierischer Fette – oder aus Paraffin, einem Erdölprodukt. Beide Materialien wurden erst Anfang des 19. Jahrhunderts als Grundstoff für Kerzen entdeckt.

Die wichtigste Lichtquelle im Haus war das Herdfeuer. Heute würde uns allein schon das Feuermachen vor ziemliche Herausforderungen stellen, denn weder Streichhölzer noch Gasfeuerzeug standen zur Verfügung. Das Feuerzeug der Steinzeit bestand aus einem Feuerstein und einem Klumpen der schwefelhaltigen Minerale Markasit oder Pyrit. Durch gekonntes Aneinanderschlagen der beiden Materialien entstanden Funken. Diese galt es auf einem leicht brennbaren Material zu „fangen“. Dafür eignete sich ein speziell hergestellter Zunder, zum Beispiel aus dem gleichnamigen Zunderpilz. Mit dem glühenden Zunderstück wurde dann leicht entflammbares Material entfacht, etwa Distelsamen oder trockenes Gras. In späterer Zeit nutzte man statt des Markasits einen Feuerstahl zur Funkenerzeugung. Gar nicht so einfach, und vermutlich tat man gut daran, das Feuer im Winter gar nicht erst ausgehen zu lassen…

Schwefelkies (links), Feuerstein (vorn) und brennender Zunder (Mitte): das vorgeschichtliche Feuerzeug.
Schwefelkies (links), Feuerstein (vorn) und brennender Zunder (Mitte): das vorgeschichtliche Feuerzeug.
Feuerstahl und Feuerstein aus einem frühmittelalterlichen Grab von Mellnau, Kreis Marburg-Biedenkopf.
Feuerstahl und Feuerstein aus einem frühmittelalterlichen Grab von Mellnau, Kreis Marburg-Biedenkopf.

Aber selbst, wenn das Feuer ordentlich brannte, war der dadurch entstandene Lichtkreis sehr begrenzt. Die Variante „viel hilft viel“ verbot sich im Haus aufgrund der Brandgefahr von selbst. Unangenehmerweise rußte und rauchte so ein Feuer auch noch stark, und in vorgeschichtlichen Häusern gab es keinen Kamin, durch den der Rauch leicht hätte abziehen können. Mit Sicherheit roch es daher streng, und der Bereich über der Feuerstelle muss völlig verrußt gewesen sein. Von Bauernhäusern in Norddeutschland ist diese Art des Herdfeuers noch aus volkskundlichen Beispielen bekannt, und ein Besuch in einem Freilichtmuseum lässt erahnen, dass damit nicht nur geringfügige Beeinträchtigungen verbunden waren.

Macht warm und ein bisschen heller: ein Lagerfeuer.
Macht warm und ein bisschen heller: ein Lagerfeuer.

Außer dem Herdfeuer standen in vorgeschichtlicher Zeit nur wenige weitere Beleuchtungsmöglichkeiten zur Verfügung. Rindertalg und andere tierische Fette dienten als Brennstoff für einfache Lampen. Es genügte ein mit Fett gefüllter ausgehöhlter Stein, ein kleines Tonnäpfchen oder eine größere Topfscherbe. Am Rand wurde dann ein Docht entzündet. Die zweite Variante waren Kienspäne: lange, dünne, abgespaltene Späne von harzreichem und daher gut brennbarem Kiefernholz. Diese Beleuchtungsmöglichkeit nutzte man noch bis in die Neuzeit, wovon so genannte Kienspanhalter zeugen. Fettlampe und Kienspan gaben jedoch nur wenig Licht und waren dazu noch pflegeintensiv. Sie rußten stark, und die verbrannten und verkohlten Bereiche mussten regelmäßig entfernt werden. Alles in allem hatten die Leuchtmittel der Vorgeschichte jedenfalls nur wenig mit dem angenehmen Kerzenschein unserer romantischen Adventsabende gemein – von den fehlenden Lebkuchen einmal ganz abgesehen…

Das Wort "Funzel" beschreibt die Helligkeit einer Fettlampe recht gut.
Das Wort „Funzel“ beschreibt die Helligkeit einer Fettlampe recht gut.
Ein brennender Kienspan bringt immerhin ein wenig Licht ins Dunkel.
Ein brennender Kienspan bringt immerhin ein wenig Licht ins Dunkel.

Autorin: Dr. Irina Görner

 

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