Die „Schwälmer Stube“ und die Sehnsucht nach der Volkskultur

Bereits das im Jahr 1913 eröffnete Hessische Landesmuseum präsentierte in der neu entstandenen volkskundlichen Abteilung auch eine sog. „Schwälmer Stube“. Dabei handelte es sich um eine Wohnstube und ein Schlafzimmer, dessen Möbel und weitere Ausstattungsgegenstände der Marburger Amtsgerichtssekretär Emil Wessel im Auftrag des Museums zusammengetragen hatte – eine ganze Bandbreite von typischem Gebrauchsgerät eines Schwälmer Haushaltes, zum Teil in mehrfacher Ausführung. Insgesamt waren etwa 170 Objekte in den beiden Stuben verteilt: Teller, Kannen und Krüge aus Irdenware, Zinnteller, mehrere Lampen, 2 Schwälmer Brautstühle, 4 Bauernstühle, 2 Tische, Eckbank, Eckschränkchen, Standuhr, Butterschrank im Schlafzimmer, Schüsselbretter, Tassenkorb, Kaffeeschlitten, Mausefalle, ein prächtiger Ofen (der nicht aus der Schwalm stammt), Tintenzeug, Nähkästchen, Löffelkörbchen, alles hübsch verziert, Bett, Wiege, Bibel, Pfeife an der Wand und Bildschmuck, Blechdöschen mit Nähutensilien, Brautkorb sowie Trachtenteile.

Die „Schwälmer Stube“ im Landesmuseum 1913 war eine reine Inszenierung, denn beide Räume wurden nach den ästhetischen Vorstellungen Wessels in idealtypischer Weise ausgestattet. Für die Einrichtung hatte Wessel auf seinen zahlreichen Reisen durch die Schwalm versucht, Typisches in Schwälmer Häusern zu recherchieren, um aus seinen verschiedenen Beobachtungen diesen Idealtypus zu formen.

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Die Skizze zeigt den Grundriss und die Möblierung von Wohn- und Schlafstube eines Bauernhauses in der Schwalm von 1820. Sie diente als Vorbild für die Inszenierung der „Schwälmer Stube“.

In der Einrichtung der „Schwälmer Stube“ spiegelt sich die zeitgenössische Wertschätzung von „Volkskultur“, wie sie sich vor allem im Bildungsbürgertum im Zuge der Industrialisierung ausgeprägt hatte. Gleichzeitig aber wurde durch die Bildung solcher Idealtypen die eigentliche Komplexität der Wohnkultur ausgeblendet, und damit auch die gesellschaftliche Realität mit ihren sozial bedingten Unterschieden in Wohnraum und Ausstattung.

Um 1900 nämlich hatte sich die Wohnkultur auf dem Dorf bereits gewandelt. Vor allem untere bäuerliche Schichten und ländliche Fabrikarbeiter richteten ihre Wohnräume nun schon mit Sofa, Vertiko und Kommode ein. Zum einen handelte es sich dabei um Industrieprodukte, zum anderen aber stellten auch die Schreiner auf den Dörfern solche Möbel her. Sie arbeiteten nach Vorlagenbüchern und ergänzten die Stücke mit vorgefertigten Zierleisten, Kugelfüßen und Beschlägen. Traditionelle Möbel wurden nun oft auch mit dunkler Farbe überstrichen und damit dem Stil des Historismus angepasst. Regionale Unterschiede bei der Möblierung gingen dadurch allerdings verloren, wie bei dem Beispiel der Thüringer Truhe.

Übermalte Thüringer Truhe, Ende 19. Jh., Nadelholz, Eiche, gefasst, Füße links ergänzt, Borken, Schwalm-Eder-Kreis
Übermalte Thüringer Truhe, Ende 19. Jh., Nadelholz, Eiche, gefasst, Füße links ergänzt, Borken, Schwalm-Eder-Kreis

Diese Truhe ist ein Beleg dafür, dass volkstümliche Möbel übermalt und damit dem Mobiliar der Gründerzeit angepasst wurden. Unter der schwarz-braunen Malschicht in Holzimitation sind Spuren von Rot, Türkis und Grün sowie Blumenmalerei erkennbar.

Ein Reflex auf die fortschreitende Verdrängung bäuerlicher Wohnkultur war ein wachsendes Interesse an volkstümlichen Möbeln im städtischen Bildungsbürgertum. Ausrangierte, zumeist reich verzierte Truhen, Schränke und Stühle wurden angekauft und in bürgerlichen Wohnstuben aufgestellt. Die Gründe hierfür lagen nicht nur im ästhetischen Reiz der Bauernmöbel; dahinter stand auch die Befürchtung eines Verlusts vertrauter Lebenswelten im Zuge von Industrialisierung und wachsender Mobilität. Als Sammlungsobjekt in bürgerlichen Haushalten verloren manche Möbel, wie z. B. Braut- oder Hochzeitsstühle, ihre eigentliche Funktion: im dörflichen Brauchtum verliehen sie dem einheiratenden Ehepartner Sitz und Stimme im Haus.

Schwälmer Brautstuhl mit der Inschrift „Hedwig Fenner Obergrenzebach“, 19. Jh., Buche, gefasst, Stroh, Obergrenzebach, Schwalm-Eder-Kreis
Schwälmer Brautstuhl mit der Inschrift „Hedwig Fenner Obergrenzebach“, 19. Jh., Buche, gefasst, Stroh, Obergrenzebach, Schwalm-Eder-Kreis

Ländliche Möbel mit reichhaltigen Verzierungen und farbenfroher Bemalung wurden auch als „Volkskunst“ bewertet. Es entwickelte sich sogar eine „Volkskunstbewegung“, die als Teil der Reformbewegung im Kunstgewerbe um 1900 gilt. Passend zur bürgerlichen Einrichtung wurden bäuerliche Möbel nun auch nachgebaut oder mit ländlicher Anmutung neu geschaffen. Das Kinderbett aus der Werkstatt des in Kassel geborenen Architekten und Glasmalers Wilhelm Blaue (1873–1967) ist ein typisches Beispiel für neu gefertigte volkstümliche Möbel.

Kinderbett, 1912 von Wilhelm Blaue, Holz, gefasst, Berlin
Kinderbett, 1912 von Wilhelm Blaue, Holz, gefasst, Berlin

Diese und weitere Möbel aus der „Schwälmer Stube“ werden auch in der neuen Dauerausstellung im Landesmuseum zu sehen sein.

Autorin: Dr. Martina Lüdicke

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