Zucht und Ordnung – ein Meilenstein der Reformationsgeschichte kommt nach Kassel

Unscheinbar kommt das kleine Bändchen daher: Nicht einmal 50 Blatt, gebunden in ein marmoriertes Buntpapier und nur etwa so groß wie eine Postkarte. Aber die „Ordenung der Christlichen Kirchenzucht, Für die Kirchen im Fürstenthumb Hessen“, meist „Ziegenhainer Zuchtordnung“ genannt, von 1539 hat es in sich.

Die „Ziegenhainer Zuchtordnung“ gebunden in vermutlich zeitgenössisches Buntpapier.
Die „Ziegenhainer Zuchtordnung“ gebunden in vermutlich zeitgenössisches Buntpapier.

Landgraf Philipp der Großmütige führte 1526 die Reformation in Hessen ein. Das von ihm 1529 einberufene „Marburger Religionsgespräch“ und die „Ziegenhainer Zuchtordnung“ zählen zu den Meilensteinen der Reformationsgeschichte.

Ein Blick in das wertvolle Buch.
Ein Blick in das wertvolle Buch.

Die „Ziegenhainer Zuchtordnung“ kann als Antwort auf die damals in Hessen wirkende Bewegung der Wiedertäufer verstanden werden. Diese lehnten die Kindertaufe ab und forderten die Taufe als persönliches Bekenntnis zum Glauben. Landgraf Philipp versuchte diese Bewegung einzudämmen und lud zu vermittelnden Gesprächen ein, wofür er eigens Martin Bucer (1491-1551) aus Straßburg berief. Ergebnis der Vermittlung Bucers war die Kirchenzuchtordnung von Ziegenhain, die erstmals die Konfirmation als nachträgliche Bestätigung der beibehaltenen Kindertaufe einführte. Die „Ziegenhainer Zuchtordnung“ regelte auch das sittliche und religiöse Leben der protestantischen Gemeinden in Hessen. Ein Rat aus Kirchenältesten und dem Pastor überwachte den Lebenswandel der Gemeindemitglieder und verhängte Kirchenstrafen.

Als ein zentrales Objekt wird die „Ziegenhainer Zuchtordnung“ zum Themenkomplex „Reformation und Calvinismus in Hessen“ in der neuen Dauerausstellung des Hessischen Landesmuseums in Kassel zu sehen sein. Als Dauerleihgabe der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck wurde das gewichtige Büchlein im November 2015 durch die Landeskirchliche Pfarrerin Eveline Valtink, Projektmanagement der Landeskirche, sowie Dipl.-Bibl. Claudia M. Melchersmann-Engel, Bibliotheksleistung der Landeskirchlichen Bibliothek Kassel, an die MHK übergeben. Es handelt sich vermutlich um das einzige vollständig erhaltene Exemplar dieser Auflage.

Die letzte Seite der „Ziegenhainer Zuchtordnung“ mit dem Emblem  des brennenden Herzen auf einem Opferaltar.
Die letzte Seite der „Ziegenhainer Zuchtordnung“ mit dem Emblem
des brennenden Herzen auf einem Opferaltar.

 

Autor: Dr. Fabian Ludovico