Winterzeit ist Bastelzeit

Bestickter Bezug für ein Kopfkissen, 19. Jahrhundert
Bestickter Bezug für ein Kopfkissen, 19. Jahrhundert

Was gibt es schöneres, als im Winter, nach Feierabend, mit einer Wolldecke auf dem Sofa im warmen Wohnzimmer zu sitzen und ein gutes Buch zu lesen, Musik zu hören oder zu stricken? Gerade in den letzten Jahren wird wieder gebastelt, gestrickt und genäht, was das Zeug hält. Während Handarbeiten unter jungen Leuten lange Zeit verpönt waren, erleben sie nun schon seit einigen Jahren einen Hype. Obwohl es noch gar nicht so lange her ist, dass es für junge Frauen üblich war, mithilfe sogenannter Stickmusterbücher oder -vorlagen ihr Geschick mit Nadel und Faden zu beweisen.

 

Schon im frühen Kindesalter fingen Mädchen in ganz Europa an, anhand von Stickmustervorlagen ihre eigenen Stickmustertücher herzustellen. Die ersten Mustertücher in Europa sind für das späte 16. Jahrhundert in England belegt, in Deutschland erstmals für Anfang des 17. und vermehrt im 18. Jahrhundert. Die Heftchen oder losen Zettel, die als Vorlagen dienten, zeigten meist alphabetische Zeichen oder ornamentale Muster für Motiv- und Buchstaben-Stickereien. Mit den Stickmustertüchern übten die jungen Frauen das Sticken von Buchstaben, Zahlen, Mustern und Ziermotiven, um damit später die Wäschestücke ihrer Aussteuer zu kennzeichnen und zu verzieren. Zunächst lernten sie das Sticken im privaten Unterricht zu Hause, im 19. Jahrhundert dann auch in der Schule. Sie stickten oft mehrere Jahre an einem Tuch, und es war somit nicht nur ein Lern- und Übungstuch mit didaktischem Zweck, sondern auch ein Sammeltuch. Auf diesen Sammeltüchern, oder auch Notiztüchern, wie sie mancherorts genannt wurden, sammelten die Mädchen und jungen Frauen die Muster und Motive, die ihnen am besten gefielen, und die sie daher für die Zukunft festhalten wollten. Ideen dazu bekamen sie von ihren Müttern und anderen weiblichen Verwandten oder von Dorf-Näherinnen. Diese individuellen Stickmustertücher sollten sie ihr Leben lang begleiten. Spätestens bis zur Konfirmation bzw. Firmung mussten sie fertig sein. Denn die Aussteuer, also die Haustextilien, die die zukünftige Ehefrau mit in die Ehe brachte, war erst dann vollständig, wenn alle Haustextilien „gezeichnet“ waren. Das bedeutet, dass sie mit den Initialen der Besitzerin bestickt waren. Das Stickmustertuch konnte so ein Leben lang der Stickerin als Mustervorlage für Verzierungen an Bekleidung und Textilien wie Bettwäsche, Handtücher oder Tischtücher dienen. Oft wurden die Stickmustertücher auch innerhalb der Familie von Generation zu Generation weitergegeben, manchmal sogar deren Weitergabe testamentarisch festgehalten. Hieran erkennt man die enorme Bedeutung, die sie für die Frauen gehabt haben müssen.

Die Stickmustertücher erzählen daher also nicht nur etwas über ihren didaktischen Wert, sondern auch über die individuellen Vorlieben der Stickerinnen und über ihr soziales Umfeld. Sie berichten darüber, ob ihre Besitzerinnen die Buchstaben eher verschnörkelt oder in klaren Formen stickten, welche Motive ihnen am Herzen lagen und welche Ornamente ihrem Geschmack entsprachen. Vergleiche geben Hinweise darauf, ob Muster oder Motive in einer bestimmten Region vorherrschten und inwiefern sich die Tücher und auch die Muster in den Jahren veränderten. Dadurch können sie uns bei der Datierung von beispielsweise Trachten, anderen Kleidungsstücken oder Haustextilien helfen.

In der Sammlung Volkskunde befinden sich zwei besonders alte Stickmustertücher. Beide sind praktischerweise mit der Jahreszahl bestickt, sodass sie auf 1756 bzw. 1854 datiert werden können. Sie sind beide gut erhalten, da sie, nachdem sie fertigt bestickt waren, nur selten ans Tageslicht kamen. Oft wurden sie in kleinen Holzkästchen aufbewahrt und nur dann angesehen, wenn die Frauen eine Vorlage brauchten. Die in der Ausstellung zu bestaunenden Stickmustertücher werden deswegen auch nur indirekt beleuchtet, denn gerade Textilien benötigen aufgrund ihrer Licht- und Klimaempfindlichkeit einen besonderen Schutz.

 

Literatur:

  • Gockerell, Nina: Stickmüstertücher. München: Deutscher Kunstverlag, 1980.
  • Grönwoldt, Ruth: Stickereien von der Vorzeit bis zur Gegenwart. München: Hirmer, 1993.
  • Stradal, Marianne; Brommer, Ulrike: Mit Nadel und Faden durch die Jahrhunderte. Heidenheim: Rees, 1990.

 

Autorin: Almuth Kölsch