Christus als Schmerzensmann

Die ab kommenden Dezember in der neuen Dauerausstellung des Hessischen Landesmuseums ausgestellte Holzskulptur zeigt Christus im Bildtypus des Schmerzensmannes, auch Erbärmdebild oder Erbärmdechristus genannt.

Hans Multscher und Werkstatt, Ulm, um 1460, Lindenholz, gefasst, 73 x 29 x 17 cm.
Hans Multscher und Werkstatt, Ulm, um 1460,
Lindenholz, gefasst, 73 x 29 x 17 cm.

Die Skulptur aus Lindenholz wurde um 1460 von dem in Ulm tätigen Hans Multscher gefertigt, der zu den bedeutendsten Künstlern der Spätgotik zählt. Dass es sich um ein Werk des berühmten Meisters handelt, offenbarte die 1923 durch den damaligen Direktor des Hessischen Landesmuseums, Dr. Johannes Böhlau, angekaufte Skulptur jedoch erst, als 1972/73 zunächst ein Teil der kostbaren und nahezu vollständigen Originalfassung freigelegt wurde.

Die Figur zeigt Christus nur von einem Lendentuch umhüllt, um die bloßen Schultern einen in königlichem Rot, Blau und Gold gehaltenen Mantel. Tief gräbt sich die Dornenkrone in sein ungeschütztes Haupt, so dass die unter dem gewellten Haar hervortretenden Blutstropfen bis über seine Brust hinablaufen. Den Blick in die Ferne gerichtet, ist sein Mund wie zu einem Schmerzenslaut leicht geöffnet. Auch die anderen Wundmale heben sich blutig rot von der hellen Haut des geschundenen Körpers ab. So zeigt die Rechte Christi deutlich das grausame Mal des Kreuznagels, während sie gleichzeitig den Blick des Betrachters auf die offene Seitenwunde lenkt. Der heute fehlende linke Arm war einst vermutlich mit der offenen Handfläche nach vorne dem Gläubigen entgegen gehoben, dem so auch diese Kreuzigungswunde eindrucksvoll vor Augen geführt wurde.

Die Feinheit der differenzierten kunsthandwerklichen Ausführung des Schmerzensmannes erzielt, trotz der unterlebensgroßen Höhe von 73 cm, einen bewegend lebensnahen Eindruck. So ist der Körper etwa durch Schattierungen und geschnitzte Wölbungen modelliert, Muskulatur und Knochenbau sind deutlich erkennbar. Plastisch gearbeitete Venen an den Unterbeinen, die mit Hautfurchen durchzogenen Knie oder die mit dunklen Schatten umgebenen, ausdrucksstarken Augen unterstreichen die Menschengestalt des Gottessohnes und schildern eindringlich die von ihm erlittenen Qualen.

Christus wird hier also nicht als strahlender König und Sieger über Sünde und Tod  gezeigt, sondern als Leidender, mit Angst und Schmerzen behafteter Mensch, wodurch dem Betrachter ermöglicht wird, durch Mitfühlen eine individuelle Beziehung aufzubauen und den Leidensweg Christi nachzuvollziehen. Doch wird Christus als Schmerzensmann nicht nur mit den Kreuzigungswunden und der Seitenwunde gezeigt, die ihn als Toten charakterisieren. In aufrechter Position, mit bewegten Gesten und mit offenen Augen ist er auch als Lebender dargestellt und manifestiert sich damit gleichzeitig in seiner göttlichen wie auch in seiner menschlichen Gestalt.

Die theologischen Aussagen, die sich in der Figur des Schmerzensmannes entfalten, sind dabei äußerst komplex. So verweist das betonte Bluten der Wunden auf die Passion, deren Leiden hier jedoch noch nicht überwunden sind und sich gegenwärtig vollziehen. Mit dem deutlichen Vorweisen der Wundmale wendet sich die Christusfigur unmittelbar an den Betrachter, an dessen Mitleid appellierend, doch gleichzeitig an den von ihm aus Liebe zu den Menschen auf sich genommenen Kreuzestod erinnernd. In ihrer drastischen Darstellung mahnen die Wundmale den Gläubigen, dem das Gericht am Ende der Tage unausweichlich bevorsteht, zudem zur inneren Einkehr und Buße. Ein frommer Lebenswandel verheißt jedoch göttliche Gnade, wodurch die Wunden auch Trost und Hoffnung geben, da sie im Kontext der Heilsgeschichte zugleich Erlösung und Ewiges Leben in Aussicht stellen. Zudem ist das Andachtsbild des Schmerzensmannes mit der Verehrung der Eucharistie verbunden und neben Skulpturen und Gemälden u.a. auch auf liturgischen Textilien zu finden, die etwa bei den heutigen Karfreitagsprozessionen mitgeführt werden.

 

Autorin: Stefanie Cossalter-Dallmann

 

Literatur:

  • Schäfer, Marika: „Unsers Herrn Barmherzigkeit“. Hans Multscher und der Kasseler Schmerzensmann, hrsg. von der Musuemslandschaft Hessen Kassel, Wissenschaftliche Reihe, Bd.1, Kassel 2011.

 

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