Ausgrabung mit Folgen – das Gräberfeld von Lembach

„Das Aufdecken eines Grabes ist hier sehr leicht.“ Diese Aussage findet sich in einem 1873 aufgesetzten Brief des Gutsbesitzers Deichmann aus dem kleinen Ort Lembach nahe Borken im Schwalm-Eder-Kreis. Der Brief richtete sich an den damaligen Direktor des Museums Fridericianum in Kassel, Eduard Pinder (1836-1890). Deichmann hatte großflächige Rodungen eines Waldgebietes vornehmen lassen, um neues Ackerland zu gewinnen. Dabei waren ihm zahlreiche Grabhügel eines ausgedehnten vorgeschichtlichen Gräberfeldes aufgefallen.

Aus seinen Angaben lässt sich erschließen, dass sich das Gräberfeld ehemals auf etwa 3-4 km Länge erstreckte und vermutlich aus mindestens 60 Grabhügeln bestand. Die Hügel selber hatten einen Durchmesser zwischen 5 und 9 m und waren noch 0,8 bis 1,2 m hoch. Aus Interesse hatte Deichmann einige davon ausgegraben und dabei zahlreiche Funde gemacht, wie er in seinem Brief an Pinder berichtet. Pinder war daraufhin so interessiert, dass er auf Einladung und mit Unterstützung von Deichmann im Jahr 1874 selbst Ausgrabungen an vier Grabhügeln durchführte.

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Karte aus den 50er Jahren des 19. Jahrhunderts. Der grün unterlegte Bereich zeigt das gerodete Waldgebiet.

Sowohl Deichmann als auch Pinder fertigten Berichte und Skizzen von ihren Ausgrabungen an – Unterlagen einer Grabungsdokumentation, die heutigen Standards freilich nicht genügen kann. Man sollte aber nicht zu hart urteilen, denn im 19. Jahrhundert gab es noch kein allgemein anerkanntes Verfahren zur Erforschung vorgeschichtlicher Hügel, und die Archäologie steckte noch in den Kinderschuhen. So erprobte man verschiedene Varianten. Zu Beginn begnügte man sich damit, in die Hügelkuppe einen mehr oder weniger großen Schacht zu graben, um die im Zentrum vermutete Bestattung zu finden. Dabei wurde jedoch vieles unwiederbringlich zerstört und übersehen.

Etwas besser war das Verfahren, zwei sich kreuzende Schnitte durch die Hügelmitte zu legen. Im Kreuzungspunkt erweiterte man den ausgegrabenen Bereich dann zu einem großen Schacht. So erhielt man Profile, die auch den Randbereich des Hügels erfassten. Zumindest einer der Grabhügel von Lembach wurde auf diese Weise untersucht. Erfreulicherweise existiert dazu eine recht detaillierte Zeichnung. Angefertigt wurde sie von einem Leutnant Volland aus Gotha, der offenbar zu Besuch in Lembach weilte und an der Ausgrabung teilnahm. Volland hat auch die Profile zeichnerisch erfasst und genaue Beobachtungen zum Hügelaufbau eingetragen, etwa zur Lage von Ascheschichten, Steinen und Gefäßscherben.

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Grabungszeichnung von Leutnant Volland. Erklärung der Legende am rechten Rand: offene Kreise – „erhaltene Urnen“, grüne Symbole – „zerbrochene Urnen“, A – „aufgeschütteter Boden“, B – „weiße Sandschicht“, C – „Asche“, D – „Tonboden“.

Zieht man ein Fazit aus Deichmanns und Pinders Grabungsergebnissen, zeigt sich, dass einige der Hügel am Hügelfuß von Steinkränzen umgeben waren. Im Zentrum der Aufschüttungen fand man zumeist eine Brandbestattung. Diese bestand aus einem größeren, als Urne genutzten Gefäß und weiteren kleineren Tongefäßen, die neben oder in der Urne standen. Leider wurden nicht immer alle ausgegrabenen Fundstücke aufbewahrt. Befand man ein Gefäß für zu stark zerstört, warf man die Reste einfach weg. In der Grabungsdokumentation stehen dann eher beiläufige Bemerkungen wie: „Eine völlig zerquetschte unverzierte Tonurne, die sich nicht erhalten ließ“.

Heute ist von dem Lembacher Gräberfeld nichts mehr vorhanden. Es wurde im Laufe der Zeit durch Wald- und Feldarbeiten vollständig zerstört. Seit den Grabungen Deichmanns und Pinders wurden auch keine Funde mehr von dort bekannt. Immerhin erlauben die rund 20 erhaltenen Stücke eine zeitliche Einordnung des Bestattungsplatzes. Sie datieren in die ältere Eisenzeit – also die Zeit zwischen 800 bis 500 v. Chr. In der neuen Dauerausstellung des Landesmuseum wird ab Dezember dieses Jahres ein Teil der Funde zu sehen sein.

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Auswahl der erhaltenen Gefäße vom Gräberfeld von Lembach.
Nadel und Fibel
Auch Schmuck wurde den Toten in Lembach beigegeben, hier eine eiserne Nadel mit Goldauflage und eine Kahnfibel.

Außerdem kommt dem Gräberfeld von Lembach noch eine weitere, wichtige Rolle zu: Es ist eine der ersten Fundstellen, an der Pinder als Direktor des Museums Fridericianum selbst Ausgrabungen durchführte. Im Anschluss an diese und weitere frühe Ausgrabungen wurde im Jahr 1875 die „Centralsammelstelle für Vorgeschichtliche Alterthümer“ am Museum Fridericianum eingerichtet, die bis heute als Fundarchiv im Hessischen Landesmuseum Bestand hat.

Autorin: Dr. Irina Görner

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