Die evangelische Marburger Tracht – modischer Look in Oberhessen

Kann eine Tracht als traditionelle ländliche Kleidung auch modern sein? Die evangelische Marburger Tracht kann! Entstanden ist sie vermutlich bereits im 18. Jahrhundert im Ebsdorfer Grund im heutigen Kreis Marburg-Biedenkopf. Sie breitete sich im Laufe der Zeit immer weiter aus und verlor dabei nie an Aktualität. Warum? Die Kunst war es, sich immer auch an der städtischen Mode zu orientieren. Aufgrund ihrer Beliebtheit verdrängte sie dabei andere, weniger auffällige Trachten wie die bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts auch im alten Kreis Marburg verbreitete sogenannte schwarze Tracht des Hinterlandes.

Was machte diese Tracht so beliebt?

Die Kleidungsstücke entsprechen in ihrem Aufbau der klassischen Grundform: Über einem Hemd werden ein Leibchen und ein bis zwei Unterröcke getragen. Darüber kommen ein Oberrock und eine reich verzierte Jacke, der „Motzen“. Außerdem eine Schürze, gestrickte Strümpfe, Tücher und eine Haube, das sogenannte „Stülpchen“.

Die evangelische Marburger Tracht ist nicht nur farbenfroher als viele andere hessische Trachten (siehe Details). Besonders im 20. Jahrhundert, mit dem Aufkommen erster synthetischer Fasern, wurden die traditionellen, schweren Beiderwand- und Wollgewebe durch leichtere, bequemere Materialien, z.B. aus Polyamid, ersetzt. Ein weiterer Vorteil dieser neuen Gewebe ist, dass sie pflegeleichter als die empfindlichen Seidengewebe sind. Auch wurden die reichen, handgearbeiteten Verzierungen mehr und mehr durch Fabrikware ersetzt, wodurch die Tracht preiswerter wurde: Eine Entwicklung, die sich auch an der städtischen Mode orientierte. In anderen Trachtenregionen wurde hingegen noch lange an den traditionellen, schwereren Materialien festgehalten und vermehrt auf Handarbeit gesetzt. Dies machte sich auch im Preis bemerkbar.

Die evangelische Marburger Frauentracht blieb noch bis zum Ende des 20. Jahrhunderts lebendig und wurde dabei in vielen Orten des Marburger Raums getragen. Ging eine verheiratete Frau zwischen ihrem 20. und 30. Lebensjahr in Tracht, dann legte sie diese auch meist bis an ihr Lebensende nicht mehr ab. Aus einer Studie zum regionalen Kleidungsverhalten in Hessen wissen wir beispielsweise, dass Frau Elisabeth Mink, eine der letzten Trachtenträgerinnen aus Dreihausen (Kreis Marburg-Biedenkopf), zu ihrer Aussteuer circa 30 Röcke bekam. Darüber hinaus über 50 Hemden, für jede Woche des Jahres eines, sowie kostbare, bestickte Jacken und Schürzen (vgl. Miehe 1995, S. 185 ff.) Eine solche Kleidungsausstattung begleitete die Trachtenträgerin ihr Leben lang. Anlassbezogen wurden z. B. für Festtage, die Hochzeit, den Kirchgang, Abendmahl oder Trauer besondere Kleidungsstücke getragen – ein unschätzbarer Reichtum in einem sonst einfachen Leben.

Für die Präsentation der nordhessischen Trachten ist im Hessischen Landesmuseum in Kassel ein eigener Raum vorgesehen. Hier wird die vielfältige Trachtenlandschaft auf rund 32 Hohlkörperfigurinen mit Trachten exemplarisch zu sehen sein. Diese setzen sich aus insgesamt ca. 350 Einzelteilen und dazu ergänzend ca. 130 Einzelobjekten zusammen, welche viele Jahre in Kartons und Schubladen im Depot bewahrt wurden. Und auch die modische evangelische Marburger Tracht wird hier zu bestaunen sein.

Autorin: Kerstin Heitmann, Volontärin Textil- und Lederrestaurierung

 

Literatur:
Justi, Ferdinand: „Hessisches Trachtenbuch“, hrsg. von Günther Hampel, Marburg 1989.
Miehe, Brunhilde: „Der Tracht treu geblieben. Studien zum regionalen Kleidungsverhalten in Hessen“, Haunetal/Wehrda 1995.