Der Turm und seine bewegte Geschichte

Das Hessische Landesmuseum ist eines der architektonisch markantesten Gebäude in der Kasseler Innenstadt. Das im Jahr 1913 eingeweihte Museum des Architekten Theodor Fischer überstand die großflächigen Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges glücklicherweise nahezu unbeschadet. Somit ist insbesondere auch der Turm schon seit über 100 Jahren ein beeindruckender Blickfang am Beginn der Wilhelmshöher Allee. Wenn das Hessische Landesmuseum in wenigen Monaten wiedereröffnet, werden die Besucher Gelegenheit haben, den Turm zu erklimmen. Von hoch oben kann man den Blick weit schweifen lassen – über die Kasseler Innenstadt bis hoch in den Bergpark Wilhelmshöhe. Wir haben uns näher mit der Geschichte des Museumsturmes beschäftigt.

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Die Architektur des Hessischen Landesmuseums geht auf die zwei Protagonisten Johannes Boehlau und Theodor Fischer zurück. Wie in unserem früheren Blog-Artikel nachzulesen, hatte Johannes Boehlau als amtierender Museumsdirektor das Ausstellungskonzept entwickelt, welches der Münchner Architekt Theodor Fischer daraufhin in die moderne Architektur des Hauses übersetzte.

Trotz seiner beeindruckenden Größe fügt sich das Hessische Landesmuseum stimmig in seine Umgebung ein. Durch die leichte Schrägstellung zur Königsstraße in der Innenstadt vermied der Architekt und Stadtplaner Theodor Fischer bewusst eine monumentale Frontalansicht. Stattdesssen kündigte er mit dem parallelen Bau zur Wilhelmshöher Allee eine Bewegung des Raumes, den Richtungswechsel zur Wilhelmshöhe an. Und doch wird die Mittelachse der Hauptfront betont: durch den charakteristischen oktogonalen Turm, der das Dach deutlich überragt.

Der Hauptturm musste also geschickt inszeniert werden und entwickelte sich für den Architekten zu einer Herausforderung, die immer wieder Überzeugungsleistung erforderte: Der Turm hatte besondere funktionale als auch repräsentative Zwecke zu erfüllen und sollte zum Blickfang aus Richtung Innenstadt werden. Funktional gesehen nimmt der Turm den Eingangsbereich auf und verbindet in seiner Achse im Inneren die wichtigsten Repräsentationsräume des Hauses: den Antikensaal und den Wappensaal.

Auch städtebaulich sollte der Turm sich in das damals vorherrschende spätbarocke bis klassizistisch geprägte Umfeld Kassels harmonisch einfügen. Der Entwurfsprozess des Turmes dauerte daher einige Zeit und wurde häufig diskutiert. Letztendlich fiel die Entscheidung auf eine deutlich steilere und schlankere Architektur als es in den Vorentwürfen vorgeschlagen worden war.

 

Die Zeichnung zeigt einen ersten Entwurf aus dem Sommer 1907. In der Gestaltung und Komposition des dreiseitigen Risalitbaus klingen Formen mitteldeutscher Renaissance an. Bild: Technische Universität München, Architekturmuseum.

 

 

 

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Im zweiten Entwurf aus dem Jahr 1909 gewinnt die Turmfassade deutlich an Höhe, und die vertikale Gliederung wird verstärkt. Der Hauptturm ist bereits oktogonal und im oberen Bereich bis zum flachen Abschluss verjüngt. Fischer konnte so die gewünschte Aussichtsplattform ermöglichen. Die Hauptfassade wirkt nun strenger und sachlicher und erinnert an den Zwehrenturm des Kasseler Fridericianums. Bild: Technische Universität München, Architekturmuseum.

 

 

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Der weitergeführte Entwurf vom November 1909 fügt noch zahlreiche Details hinzu, wie zum Beispiel den schlanken Laternenaufsatz. Dort konnte nun auch ein Schlagwerk und ein Wetterhahn integriert werden. Turmuhren und Reliefs von Regenten – wohl die Landgrafen von Hessen-Kassel – schmücken die Fassade. Bild: MHK.

 

Die Entwürfe des Hauptturms noch einmal im Überblick. Im Oktober 1910 lag die endgültige Form des Turms vor, die zum vorhergehenden Entwurf aus dem Vorjahr nur noch wenige Veränderungen aufwies. Die obere Balustrade und das schmiedeeiserne Geländer wurden noch korrigiert und auf die Reliefs der Landgrafen in der Fassade verzichtet. Das Wappenmotiv taucht 1911 im Wappensaal im Gebäudeinneren wieder auf. Grafiken: Astrid Schlegel, MHK.

Zum Jahresende 1910 begannen schon die Arbeiten am Rohbau. Nur die Laterne wurde noch einmal abgeändert. Nachdem die Stadt Kassel sich gegen die Anbringung eines Glockenspiels als Turmabschluss ausgesprochen hatte – das Rathaus war bereits mit einer Uhr ausgestattet – änderte Fischer die Gestaltung des Turms noch im Frühjahr 1912 ein letztes Mal, als das Gebäude im Rohbau längst fertiggestellt war. Fischer vergrößerte den Turmaufsatz mit einer welschen Haube, also einer glockenförmig geschweiften Bedachung, noch einmal deutlich, um so die markante Laternenkrönung zu kompensieren.

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Eine Aufnahme vom Jahresbeginn 1912. Das Landesmuseum befand sich im Rohbau. Bild: MHK.

 

 

 

 

 

 

 

 

Im Ersten Weltkrieg, der kurz nach der Eröffnung des Museums ausbrach, stand der Turm bereits wieder im Mittelpunkt des Geschehens. Das Kriegsministerium wies öffentliche Gebäude an, ihre kupfernen Dachabdeckungen abzuliefern. Hiervon war auch das Hessische Landesmuseum betroffen, und so musste das Turmdach im Frühjahr 1916 abgedeckt werden.
Dass das Hessische Landesmuseum den verheerenden Zweiten Weltkrieg weitestgehend unbeschadet überstand, ist ein glücklicher Umstand, durch den wir auch heute noch die ursprüngliche Bausubstanz der Außenarchitektur nahezu unverändert bewundern können. Rund um das Landesmuseum lag Kassel nach dem schweren Bombenangriff vom 22. Oktober 1943 in Trümmern. Der Feuersturm erfasste das Gebäude nicht – nur das nördliche Dachgeschoss und der obere Turmabschnitt brannten aus, und auch an den Museumsbeständen entstanden glücklicherweise nur leichte Schäden.

Somit ist das Landesmuseum mit seinem Turm bis heute ein architektonisches Schmuckstück in der Kasseler Innenstadt. Nach den Fassadenarbeiten wird in Kürze das Gerüst abgebaut und gibt den Blick wieder frei. Der Turm ist jeden Samstag außerdem Teil des Laserscape-Documenta-Kunstwerkes – dann führt ein grüner Laserstrahl aus der Innenstadt über den Turm des Hessischen Landesmuseums zum Herkules-Bauwerk. Genauso werden die Besucher des Turmes nach der Museumseröffnung die schnurgerade Allee zur Wilhelmshöhe hinauf blicken können. Im wahrsten Sinne des Wortes wird dies ein neuer Höhepunkt in Kassel sein.

Autorin: Elisa Schubert

Literatur: Astrid Schlegel, Micha Röhring, Frank Pütz: 100 Jahre Hessisches Landesmuseum Kassel. Ein Bau von Theodor Fischer (Kataloge der Museumslandschaft Hessen Kassel, 54), Petersberg 2013.