Interview mit Bernd Küster, Direktor der MHK

Im kommenden Monat wird das Hessische Landesmuseum wiedereröffnet. Wir sprachen mit dem Direktor der Museumslandschaft Hessen Kassel, Bernd Küster, über die Bedeutung dieses Ereignisses für die MHK, aber auch für Kassel und die Region.prof-dr-bernd-kuester-direktor-mhk-3_favorit

Lieber Herr Küster, worauf freuen Sie sich besonders bei der Wiedereröffnung des Hessischen Landesmuseums?

Ich habe das Hessische Landesmuseum als geschlossenes Haus übernommen und kenne es aus der Vergangenheit selbst nur als Besucher. Ich habe das Projekt jetzt sechs Jahre begleitet. Die eigentliche Vorfreude gilt dem Umstand, dass wir endlich wieder vollständig sind, dass das Orchester MHK wieder mit allen Instrumenten vertreten ist und den Gesamtklang wiederherstellen kann.

 

Welche Relevanz hat das Hessische Landesmuseum als Gebäude aber auch als Institution innerhalb der MHK?

Es gibt zwei Punkte – das eine ist, dass es ein bauliches Zeugnis der Spätphase einer sehr kulturträchtigen Epoche ist, die mit dem Kaiserreich zu Ende ging. Es ist ein Baukörper vom Vorabend des Ersten Weltkrieges. Bauten dieser Art sind nach dem Ersten Weltkrieg nicht mehr möglich gewesen. Durch glückliche Umstände ist das Gebäude erhalten geblieben: Inmitten einer Trümmerwüste des Zweiten Weltkrieges stand der Monolith Landesmuseum ziemlich unversehrt. Das Gebäude hat also mit der Stadtgeschichte aufs Engste zu tun, aber es repräsentiert als Baukörper auch ein Stück Kulturgeschichte.
Dieses historische Zeugnis mit einem musealen Konzept zu füllen war nun unsere Aufgabe. Unsere Sammlungen sind reich an historisch wertvollen Objekten, die den Gang der Geschichte auf eine neue Weise erzählen werden. Das Spannende ist: Die Objekte sind wieder beieinander, aber sie sind anders miteinander kombiniert, als sie es jemals gewesen sind. Sie ergeben ein sehr hochwertiges Bild der Geschichte, während sie natürlich ebenso für sich selbst als Unikat der Kunst- und Kulturgeschichte stehen.

Welche Herausforderungen brachte die inhaltliche Neukonzeption mit sich?

Es ist schwierig, einen Parcours über drei Geschosse zu stecken, den der Besucher aufmerksam durchschreitet. Man muss einen Spannungsbogen halten – das ist bei einer landesgeschichtlichen Dauerausstellung eine anstrengende Aufgabe. Ich glaube allerdings, dass keine derart umfangreiche Dauerausstellung ohne Inszenierung funktioniert. Wenn man es nur auf der abstrakten Ebene halten würde mit Texten und Grafiken, fehlt der unmittelbare Bezug, die Zugangsberechtigung.
Daher ist es wichtig, den Besucher ab und zu zu überraschen, wie beispielsweise mit der Werkstatt von Mörshausen, einer Weberei, die sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf die Fertigung von Webblättern und Weblitzen spezialisierte, und in die man buchstäblich hineingehen kann. Natürlich sind wir auf Vitrinen angewiesen, aber es ist gerade für die ganzheitliche Wahrnehmung des Besuchers auch wichtig, einige authentische Einschübe zu machen und verschiedene Herangehensweisen zu verknüpfen.
Umso interessanter ist, dass wir endlich dazu kommen, auch aus der Alltagskultur erzählen zu können. Wir kommen ab dem 19. Jahrhundert endlich wieder in den Genuss der Sammlung der hessischen Volkskunde. Diese war nach dem Krieg nicht mehr sichtbar und durfte am Klangbild nicht mitwirken. Da wir diese große Lücke schließen, denke ich, dass wir dem Anspruch, umfänglich hessische Landesgeschichte zu dokumentieren, gerecht werden können.

Was bedeutet das Hessische Landesmuseum für Kassel und die Menschen der Region?

Ein solches Museum kann Identität hinterfragen, zum Beispiel die Frage stellen, was ist nordhessisch? In gewisser Weise kann so ein Ort das Identitätsgefühl abbilden oder stärken. Hessen ist ein Einwandererland. Es kommen stets neue Menschen hinzu. Nach dem Krieg kamen viele Flüchtlinge, die integriert werden mussten – und das hat funktioniert. Heute haben wir wieder so eine Phase, und die wird es in Zukunft auch geben.
Es ist gut, dass wir so einen Ort haben, in dem genau diese einzelnen Epochen reflektiert werden. Nach dem 30-jährigen Krieg brachten etwa die Hugenotten neues Leben in diese verwüstete Region und siedelten hoch qualifizierte Wirtschaftsbetriebe an.
Man sieht daran: Diese Migrationsbewegungen bringen kulturelle und wirtschaftliche Impulse mit sich. So arbeitet Kultur: Dass das Fremde mit dem Vertrauten einen Dialog eingeht, eine Symbiose aus Vergangenheit und Gegenwart entsteht und sich daraus dann etwas Neues entwickeln kann. Mit dem Landesmuseum haben wir einen Ort der Begegnung, des Austauschs und des Dialogs.

Wie kann dieser Dialog entstehen?

Man muss die Besucher dort abholen, wo sie sind und im Jahr 2016 ankommen. Sie sollen sich in der Vergangenheit zurechtfinden und einen Bezug zu ihrer eigenen Lebenswelt herstellen können. Da muss mehr sein, als eine nostalgische Schwärmerei, die natürlich ein zulässiges Gefühl ist. Aber es ist sehr wichtig, zu reflektieren und auch die Konflikte zu erkennen. Das versuchen wir durch einen Erzählmodus zu erreichen, der die Geschehnisse personifiziert. So bekommen zum Beispiel handwerkliche Erzeugnisse ein Gesicht durch Zeitzeugen. Damit können Stimmen dieser Generation eingefangen werden. Auch die gegenwärtigen Besucher sollen so ein Erzählrecht erhalten. Sie sollen zu der Frage geführt werden: was ist für Dich Kassel und was ist Hessen?

Welche Erinnerungen an das frühere HLM haben Sie und welche Veränderung von Alt zu Neu empfinden Sie als am spannendsten?

Wir haben die Qualitäten dieses Baukörpers wiederentdeckt und freigelegt. Das ist phänomenal. Es ist schon lange her, dass ich als Besucher im Landesmuseum war. Ich habe es als eher dunkles Ganzes in Erinnerung mit ein paar leuchtenden Akzenten. Im Nachhinein kann ich sagen, hat man im Zuge der Umbauten besondere Qualitäten geschaffen: Die Lichtheit, die Transparenz, die Sichtachsen. Man hat immer das Ganze im Blick: Sie sehen die oberen Ebenen von unten, Sie können von innen nach außen schauen. Sie wissen, Sie sind auf einer Ebene, sehen aber gleich, dass es noch andere gibt. Das ist faszinierend. Auch die Großzügigkeit, in denen sich die Räume präsentieren – zum Beispiel das Treppenhaus, das wunderbar erhalten ist. Von großer Eleganz und Feinheit sind die Ausläufer des Jugendstils noch sichtbar. Das Bauwerk arbeitet mit Linien und Licht auf eine wunderbar leichte Weise. Es scheinen überall alte und moderne Elemente durch, wie am Beispiel der nun überdachten Innenhöfe ersichtlich ist. Diese waren baulich und technisch eine große Herausforderung.
Die größte und spannendste Aufgabe war es sicher, alle Beteiligten, auch die Architekten, in den Dienst des Baukörpers zu stellen und dem Gebäude Respekt zu erweisen. Mit der Einrichtung ist es jetzt, meiner Meinung nach, so, wie es sich der Bauherr erträumt hat. Ich glaube, dass wir 100 Jahre später den Bau des Hessischen Landesmuseums in einen optimierten Zustand versetzt haben, um es mit dem Leben zu füllen, für das es einmal erdacht und erbaut wurde.

Welche Aufgaben und Themen bringt die Neueröffnung des Hessischen Landesmuseums mit sich?

Unsere Aufgabe ist es, die Flamme hochzuhalten – dass wir dem Museum einen Auftrieb geben, auch wenn die Eröffnung gelaufen ist. Dabei ist es wichtig, neben der Dauerausstellung auch die Sonderausstellungsfläche mit Themen zu bespielen, die mit hessischer Geschichte bzw. Residenzgeschichte und unseren Sammlungen zu tun haben – eine interessante Mischung an Themen also, die nicht in unseren anderen Häusern gezeigt werden. Für 2018 ist zum Beispiel gemeinsam mit dem Stadtmuseum eine Ausstellung zum Ende des Ersten Weltkrieges geplant. Es finden sich viele Themen, die man ab jetzt im HLM gesondert und intensiv beleuchten kann.
Das zweite, was für das Haus gebraucht und angestrebt wird, ist die Entwicklung eines attraktiven Begleitveranstaltungsprogramms, wie es etwa im Schloss Wilhelmshöhe existiert. Die Vermittlungsarbeit ist das A und O: Das Leben im Haus muss aktiviert werden und das ist eine große Aufgabe! Dies gilt insbesondere für Schüler und Schulklassen: Die Geschichte des Landes Hessen muss für diese Zielgruppe erlebbar gemacht werden. Wir dürfen ein Museum nicht als Selbstläufer annehmen.

Mit welchen Schlagworten lässt sich die neue Dauerausstellung des HLM umschreiben und warum sollte man sich einen Besuch nicht entgehen lassen?

Geschichte muss transparent sein – das Gebäude ist es übrigens auch – das heißt, sie muss verständlich sein. Wir erzählen nicht auf einer abstrakten Ebene, auf der nur der Fachmann einen Zugang hat. Wir bleiben populär. Das Populäre ist eine Selbstverpflichtung, was bedeuten soll, dass wir unsere Zielgruppen nicht nur in wissenschaftlichen Kreisen suchen, sondern überall.
Das wichtigste Attribut ist die Anmut, die sich ausgehend von der Architektur auf die Ausstellung übertragen wird. Alle Skeptiker sollen vorbeikommen und es selbst sehen, da das erhabene Gefühl des Baukörpers als Stimmung sofort aufgenommen wird und auch bestehen bleibt. Das Gebäude kann nur im Großen und Ganzen beurteilt werden, aber nicht von den einzelnen Räumen her.

Was wünschen Sie sich für die Museumseröffnung und die Zeit danach?

Ich wünsche mir, dass es einen lebendigen Austausch zwischen Jung und Alt geben wird. Vor allem darüber, was für uns Geschichte ist. Kassel stand immer wieder im Fokus der deutschen Geschichte: Kassel hat in besonderer Weise als Residenz oder auch bei den Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges immer einen wichtigen Anteil an der Zeitgeschichte gehabt und diese durchleiden müssen. Nachdem die Stadt im letzten Weltkrieg nahezu ihr Gesicht verloren hat und aus seiner Randlage im Nachkriegsdeutschland erst 1989 mit Öffnung der Grenzen seinen Platz in der Mitte Deutschlands und vielleicht auch im Selbstwertgefühl wiederfand, sollten wir immer wieder die Gegenwart befragen – und dabei zugleich aus der Geschichte lernen. Ein Museum ist ein guter Ort, das zu tun.

Lieber Herr Küster, vielen Dank für das Gespräch!

Das Gespräch führten Elisa Schubert und Isabelle Trenkner.