Keine falsche Bescheidenheit! Anna Dorothea Therbusch zum 300. Geburtstag

»Weil ich weiß, daß die Frauen sich in dieser Kunst mehrenteils auf Gemälde in Miniatur oder auf Portraite eingeschränkt haben, so hoffe ich, daß ein großes historisches Stück von einem weiblichen Pinsel, wenigsten seiner Neuheit wegen, das Glück haben könnte, Ew. Kayserlichen Mäjestät nicht gänzlich zu mißfallen.« (Brief vom 30.11.1776 an den Kaiser Joseph II.)

Rhetorisch geschickt wendet sich Anna Dorothea Therbusch an Kaiser Joseph II. und beweist mit diesen Zeilen einerseits Selbstbewusstsein, zeigt aber auch die von ihr erwartete feine Zurückhaltung. Dabei hatte sie zu jener Zeit bereits erreicht, wovon andere Künstlerinnen nur träumten: Ehrenmitglied der Académie des Arts in Stuttgart, Mitglied der Kunstakademie in Bologna, Paris und Wien, Hofmalerin für Herzog Carl Eugen von Württemberg und den pfälzischen Kurfürst Carl Theodor sowie Arbeiten für die russische Zarin Katharina II. – und das als Ehefrau und Mutter von drei Kindern. Für ihren Ehemann stellten ihre Ambitionen kein Problem dar, glaubt man ihrem Biographen Johann Georg Meusel: So erhielt sie die »Freyheit ihrer Neigung zu folgen, da ihr Gatte ein Mann von Verstand, wohl einsahe, daß es hart seyn würde, dergleichen Anlagen zu unterdrücken«.

Abb. 1 – Anna Dorothea Therbusch, Johann Christian Samuel Gohl, Schüler und späterer Schwiegersohn der Malerin, und sie selbst im Hintergrund, um 1764/1765 u. vor 1776, MHK

Zwar war ihre künstlerische Tätigkeit von Beginn an familiär gestützt, denn ihr Vater Georg Lisiewski unterrichtete Anna Dorothea sowie ihre Geschwister, doch beweist sie Zeit ihrs Lebens einen starken Willen, ihr Talent selbstbestimmt zu fördern und zu fordern. So steht sie exemplarisch für eine Reihe von Künstlerinnen, die im 18. Jahrhundert zwischen gesellschaftlichen Konventionen und eigener Kreativität changierten und so erfolgreich künstlerisch tätig sein konnten. Das Zitat aus dem Brief an Kaiser Joseph II. verweist direkt auf eine der Grenzen weiblichen Kunstschaffens: Die Historienmalerei. Als höchste Form der Malerei gefeiert, galt sie als Betätigungsfeld der männlichen Kollegen. So war bereits das Aktstudium der Akademien, welches die figurenreichen Kompositionen als Grundlage forderten, den Frauen versagt. Dies führte häufig zu einer Spezialisierung der Künstlerinnen auf Stillleben, häufig Blumenbilder, und Porträts. Wie im Brief bereits anklingt, wurden diese Grenzen nicht immer als unüberschreitbar betrachtet und so ist von Therbusch bekannt, dass sie sehr wohl vor einem Aktmodell zeichnete.

Abb. 2 – Raumansicht der Kabinettausstellung Ein Atelier für sich allein – Künstlerinnen von Rachel Ruysch bis Emy Roeder

Einen Überblick zu Künstlerinnen und ihrer Kontextualisierung in verschiedenen Medien und Epochen – von der barocken Stilllebenmalerin Rachel Ruysch bis zur modernen Bildhauerin und Zeichnerin Emy Roeder – liefert die aktuelle Kabinettausstellung Ein Atelier für sich alleine in Schloss Wilhelmshöhe.  Auch Anna Dorothea Therbusch ist dort mit einem großformatigen Werk vertreten, welches sie mit ihrem Schüler Johann Christian Samuel Gohl zeigt. Ob es sich schon immer um ein Doppelbildnis handelt ist unklar, da eine Anstückung der Leinwand um das Männerporträt herum erkennbar ist. Hat Gohl seine Lehrerin Therbusch vielleicht aus Verehrung posthum hinzugefügt? Auch wir ziehen unseren Hut und gratulieren dieser charakterstarken Frau zum Jubeltag!

Deutsche Mark – Deutsche Marke: Albrecht Dürer feiert 550. Geburtstag

Lange bevor das Porträt der Elsbeth Tucher (Abb. 1) den 20 Mark-Schein zierte (1961-1992), stand Albrecht Dürer schon hoch im Kurs und bis heute ist der Nürnberger für viele der deutsche Renaissancekünstler schlechthin. Sein breit gefächertes Können steht ganz in diesem Geiste: Goldschmiedekunst, Malerei, Zeichnung, Drucke und auch Kunsttheorie zählen zu seinen Schaffensfeldern.

Abb. 1 – Albrecht Dürer, Bildnis der Elbeth Tucher, 1499, MHK

Sein Sinn zur Naturerfassung, der sich unter anderem in den Tier- und Pflanzenaquarellen findet, beeindruckt uns bis heute. Doch neben diesem stilisierten Bild des Universalgenies, zeichnet sich Dürer ebenso durch seinen Geschäftssinn aus: Ab 1497 wurden alle Drucke der stetig wachsenden Dürer-Werkstatt mit dem Monogramm AD versehen (Abb. 2). Die ‚Marke Dürer‘ etablierte sich fest und zwar europaweit. Das Monogramm kam einer Art Gütesiegel gleich, das sogar von Fälschern zur Aufwertung von Objekten genutzt wurde. Dies zeugt vom hohen Wert der Werkstattarbeiten und liefert ein frühes Beispiel von Markenfälschung, die bekanntlich bis heute praktiziert wird.

Abb. 2 – Dürers „Branding“ in Serie auf einer Auswahl von Kupferstichen und auf dem Holzschnitt „Das Männerbad“ (rechts), der aktuell in der Ausstellung „WasserLust…Badende in der Kunst“ in Schloss Wilhelmshöhe zu sehen ist, MHK

Auch auf dem Porträt der Elsbeth Tucher kann man in der linken unteren Ecke noch Reste eines Monogrammes erkennen, welches allerdings – wie auch die Beschriftung rechts oben – nicht von Dürer selbst stammt, sondern später hinzugefügt wurde. Sie ist im Dreiviertelprofil zur rechten Seite gewandt als Brustbild dargestellt. Mit ihrer rechten Hand hält sie einen Ring mit zwei farbigen Steinen. Ihre zeitgenössische Kleidung entspricht ganz jener einer Ehefrau oberen Standes. Die weiße in sich gemusterte Haube, deren zusammengebundener Stoff hinab über die linke Schulter fällt, wird von einem goldenen Band mit Initialen umfasst. Ihr dunkelgrünes Kleid ist von einer Doppelborte in Weiß und Gold abgesetzt. Am Ausschnitt sind die verzierten Initialen ihres Mannes angebracht, zudem trägt sie eine goldene Gliederkette. Der Hintergrund ist zweigeteilt: Die rechte Seite zeigt eine Art Brokattapete mit Granatapfelmuster, auf der linken Seite ermöglicht eine Fensteröffnung den Blick auf eine grüne Landschaft mit Bergen und Gewässern, über welcher sich an einem eher weißen Himmel graue Wolken befinden.

Abb. 3 – Barthel Beham, Bildnisse des Ehepaares Neudörffer, 1527, MHK

Ursprünglich bildete die Tucher-Dame das Pendant zum Bildnis ihres Ehemanns Niclas Tucher, welches heute als verschollen gilt. Die Porträts des Ehepaars Neudörffer aus der Kasseler Sammlung zeigen, wie solche Bildnisse einander gegenüberstanden (Abb. 3). Die Tafeln waren meist mit einem Scharnier als Doppelbildnis (Diptychon) verbunden. Solche Ehebildnisse waren weit verbreitet und wurden von Dürer selbst und seinen internationalen Malerkollegen in umfangreichem Maße produziert. Somit vereint sich in der Person Albrecht Dürers ein künstlerisches Talent, das ebenso den organisatorischen Sinn besaß, seine Kunst effizient zu vermarkten.

Bordelle, Fitnessstudios, Museen?

Die Diskussionen um das neue Infektionsschutzgesetz haben einmal mehr die Frage aufgeworfen, was sind eigentlich Museen. Elitäre Musentempel, Eventbuden oder Ort eines nachhaltigen Kulturerlebnisses?

Vielleicht nur der Unachtsamkeit geschuldet, waren im ersten Entwurf zu dem neuen Gesetz Museen jedoch in einem Atemzug mit Fitnessstudios und Bordellen genannt, was zu heftiger medialer Kritik im Kulturbetrieb führte.

Ausschnitt aus dem Gemälde von Johann Lys »Ein Gelage von Soldaten und Dirnen«, um 1597-1631

Natürlich hinkt der Vergleich zwischen diesen ehrenwerten Institutionen in höchstem Maße. Wer würde es beim Besuch eines Bordells nur bei stiller Betrachtung belassen wollen? Im Museum jedoch ist das Anfassen der Objekte der Begierde (in der Regel) strikt untersagt. Aber ein Besuch im Fitnessstudio kann ebenso schweißtreibend sein, wie der Besuch einer Ausstellung mit dem Klassenlehrer oder der Klassenlehrerin. Und in einem Bordell…. Die Ursache des Schweißausbruchs ist allerdings jeweils etwas ganz Anderes.

Es ist also gar nicht zu leicht, diese Frage zu entscheiden. Wie so oft, hilft ein Blick in die Vergangenheit. Am 6. Mai 1886 hatte Pfarrer Dr. Hermann Richter aus Mühlheim an der Ruhr an den preußischen Minister der geistlichen, Unterrichts- und Medicinal-Angelegenheiten ein umfangreiches Beschwerdeschreiben über Gemälde in der Kasseler Gemäldegalerie geschickt, deren Betrachtung ihn sehr verärgert hatten: »Zu diesen Bildern, die das sittliche Gefühl bei unserem Anschauen tief verletzen, und auf die den Unterzeichneten ein mündiger, gebildeter in Cassel gebürtiger und ansässiger Herr aufmerksam machte gehören u.a. Folgende […] Nr. 163 ein Trinkgelage von Jan Lys gen. Pan im Volksmunde wie mir gesagt wurde, das Hurenhaus genannt, eine Gruppe zechender Offiziere und Mätressen, wo im Vordergrunde eine den Rücken dem Beschauer zukehrende Hetäre deutlich in die vorne geöffneten Beinkleider eines Offiziers greift.« Das brachte die sauberen Herren – Frauen waren damals im Museumsbetrieb noch nicht bekannt – in Verlegenheit. Im Antwortschreiben an Pfarrer Richter heißt es nicht ohne Humor: »Das s.g. Bordell Nr. 163 stellt allerdings recht bedenkliche Situationen dar, ist aber ein schön gemaltes Bild, welches Kunstkenner nur ungern vermissen würden. Ich glaube, daß es genügt, wenn dasselbe nicht nur, wie schon jetzt, hoch, sondern auch an eine Rückwand gehängt wird, wo es nur der Suchende findet. Diese Platzveränderung wird ausgeführt werden.«

Ausschnitt aus dem Gemälde von Johann Lys »Ein Gelage von Soldaten und Dirnen«, um 1597-1631

Also wenn Museen etwas von einem Bordell haben sollten, dann schnell etwas höher und an die Rückwand gehängt, dann passt das schon. Bordelle findet der Suchende ja auch nicht in der Fußgängerzone.

Wie ist es nun mit den Fitnessstudios? Natürlich könnte man den bekannten Vergleich von körperlicher und geistiger Fitness heranziehen: mens sana in corpore sano. Aber das wäre doch etwas zu einfach, denn im Museum kann es auch handfest zugehen, wie das Bild des Boxkampfes in London von Andreas Möller zeigt. Da kommt neben der geistigen Fitness doch das Körperliche nicht zu kurz.

Ein Boxkampf in London, 1737, Gemäldegalerie Alte Meister, MHK

Und als hätten wir es geahnt, dass irgendwann einmal ein kluger Geist auf die Idee kommt, Museen mit Bordellen und Fitnessstudios auf eine Stufe zu stellen, hängen beide Gemälde direkt nebeneinander. Wenn das kein Grund ist, mal wieder ins Museum zu gehen (wenn es denn wieder offen ist wie die Bordelle und Fitnessstudios)?

Blick in die Gemäldegalerie Alte Meister in Kassel