Krieg in Europa

Manchmal erhalten barocke Kunstwerke eine erschreckende Aktualität. Angesichts des Krieges in der Ukraine haben wir die allegorische Darstellung „Der Krieg vertreibt den Frieden“ in unsere Dauerausstellung integriert. Das Gemälde stammt von einem bislang nicht identifizierten italienischen Meister und entstand im 17. Jahrhundert, bekanntlich eine der blutigsten Zeiten in Europa. Immer wieder fanden kriegerische Auseinandersetzungen statt, wobei der Dreißigjährige Krieg ohne Zweifel als der schrecklichste Konflikt der Vormoderne in die Geschichte Europas eingegangen ist. Am Ende lagen allein in Deutschland weite Landstriche in Trümmern und etwa 40 Prozent der Bevölkerung bezahlten mit ihrem Leben.

Bolognesischer Meister 17. Jahrhundert (?), Der Krieg vertreibt den Frieden, MHK, Gemäldegalerie Alte Meister, Schloss Wilhelmshöhe

Das Gemälde zeigt den unbekleideten Kriegsgott Mars mit Fackel und gezücktem Schwert, der in weitem Schritt über einen am Boden liegenden Krieger die nach rechts fliehende weibliche Gestalt des Friedens in gelbem Gewand verfolgt. Links hinter ihm erkennt man die angekettete Gestalt der Furie mit Schlangen und Fackel in den Händen, die im nächsten Moment auszubrechen scheint. Waffen am Boden sowie ein Schwerterzweikampf am rechten Bildrand verdeutlichen das grausige Geschehen, vor dem eine Mutter mit ihrem Kind im Arm rechts im Vordergrund Schutz sucht. Ihre aufgerissenen Münder lassen den Schrecken erahnen. Dessen ungeachtet verkündet die allegorische Gestalt der Fama (der Ruhm) am Himmel mit Fanfare von dem Vormarsch des Krieges.

Bei allem Schrecken, den auch die Zeitgenossen sicher vor Augen hatten, galt der Krieg doch immer als zwar gefährliches aber letztlich probates Mittel politischer Führung. So war es im 17. Jahrhundert und so wurde es im großen Ganzen auch in den folgenden Jahrhunderten gesehen, bis schließlich im 20. Jahrhundert mit zwei Weltkriegen der traurige Höhepunkt erreicht wurde. Seitdem glaubte man in Europa die Gefahr eines Krieges gebannt und sollte damit auch größtenteils Recht behalten – sieht man von den furchtbaren Kriegen im ehemaligen Jugoslawien einmal ab. Leider belehren uns die aktuellen Ereignisse in der Ukraine eines Besseren und zeigen, wie fragil letztlich der Frieden in Europa sein kann.

Frederic Matys Thursz. Die Vielschichtigkeit der Farbe

Dicke Schichten glänzender Farbe bahnen sich ihre Wege die Leinwand hinunter. Ein Schritt zur Seite und schon bricht sich das Licht kaleidoskopartig auf der Bildoberfläche. Anlässlich einer Schenkung zeigt die Neue Galerie im Rahmen der Studioausstellung „Frederic Matys Thursz. Die Vielschichtigkeit der Farbe“ bis zum 25. September 2022 ihre kleine, aber hochwertige Sammlung des Künstlers, die durch eine Leihgabe dankenswerterweise bereichert wird.

Ansicht der Studioausstellung in der Neuen Galerie

Die Bilder des marokkanisch-US-amerikanischen Malers Frederic Matys Thursz (1930-1992) gehören zu den wichtigsten Werken der monochromen Malerei. Also zu jenen Bildern, auf denen nur eine Farbe sichtbar und alles, was auch nur ansatzweise gegenständlich anmutet, verbannt ist. Diese Richtung entwickelte sich bereits kurz nach Ende des Ersten Weltkriegs unter Kasimir Malewitsch in der Sowjetunion, gelangte aber erst nach der Jahrhundertmitte in den USA und Europa zu voller Blüte. So trivial ein einfarbiges Bild vielleicht auf den ersten Blick wirken mag, verspricht ein genaueres Hinsehen jedoch ein Farbspektakel ganz besonderer Art: Unzählige lasierende Schichten Ölfarbe trug Thursz‘ in einen oft jahrelangen Prozess auf die Leinwände auf, wodurch der Leuchtkraft ganz eigene Qualitäten verliehen werden.

Glänzende Farbschichten am Beispiel von Thursz‘ Gemälde „A Focillon: Eloges aux mains“

Je nachdem, wo man vor oder neben dem Bild steht, nimmt die Intensität der Farbe ab oder zu, was durch die Verwendung eines hohen Bindemittelanteils begünstigt wird. Thursz‘ Technik, die Farbe vertikal durch Instrumente wie Spachtel aufzutragen, hinterlässt sichtbare Spuren auf der Oberfläche, die zu dem Reiz beiträgt. Die Frage, was es mit dem monochromen Bild genau auf sich hat, lässt sich nicht mit reiner Ästhetik beantworten. Vielmehr geht es Thursz und seinen Kolleg*innen um die Befreiung der Farbe von ihrer traditionellen Rolle als Hilfsmittel, um Erzählungen abzubilden. Losgelöst von dieser Instrumentalisierung soll die Farbe in ihrer Beschaffenheit und Wirkkraft selbst zum Kunstwerk nobilitiert werden, ganz nach Thursz‘ Devise „Farbe und Licht machen die Gesamtheit der Malerei aus“.

Marie von Hessen-Kassel, eine Landgräfin der Herzen?

Im Kino sorgt gerade eine Verfilmung des Lebens von Lady Di, der Queen of Hearts, für Furore. Ihr tragischer Tod 1997 rührt noch heute die Herzen vieler an. Vor 250 Jahren, am 14. Januar 1772, verstarb mit Marie von Hessen-Kassel eine ebenso außergewöhnliche Frau. Auch ihr Leben war geprägt von Tragik, obwohl alles zunächst ganz anders aussah. Als Tochter des britischen Königs Georg II. hatte sie 1740 den drei Jahre älteren Erbprinzen Friedrich II. von Hessen-Kassel geheiratet. Vier Söhne entstammen dieser Verbindung und nach dem Tod von Friedrichs Vater hätte sie an der Seite ihres Gatten als Landgräfin residieren können. Doch verlief die Ehe nicht sonderlich harmonisch und als 1754 der heimliche Übertritt Friedrichs zum Katholizismus bekannt wurde, kam es zur umgehenden Trennung der beiden. Um eine Wiederverheiratung Friedrichs zu verhindern wurden die Eheleute jedoch nicht geschieden. Marie zog mit ihren vier Söhnen nach Hanau, als Regentin der dortigen Grafschaft, die 1736 an Hessen-Kassel gefallen war. Dort ließ sie nicht nur das Stadtschloss umbauen, sondern auch einen der ersten englischen Landschaftsgärten in Deutschland anlegen. Ihren Ehemann sah sie jedoch nie wieder. Dennoch kam es auch in Kassel unter Friedrich II. zu engen Beziehungen zur Kunst Großbritanniens, die unter seinem Nachfolger, dem von Marie zunächst in Hanau aufgezogenen Wilhelm IX.  mit der Umgestaltung des Bergsparks und der Errichtung der Löwenburg noch heute sichtbar sind. Seine Mutter Marie ist in Kassel vor allem durch einige Porträts in lebendiger Erinnerung. Eines davon entstand im Schicksalsjahr 1754 und stammt von dem frisch nach Kassel berufenen Hofmaler Johann Heinrich Tischbein d. Ä., dessen 300. Geburtstag sich im Oktober jährt.

Johann Heinrich Tischbein d.Ä, Marie von Hessen-Kassel, 1754, MHK, Schloss Wilhelmsthal