Frisch auf den Tisch: Speisen aus dem Bergpark Wilhelmshöhe

Die Welterbestätte Bergpark Wilhelmshöhe erstreckt sich von dem berühmten Wahrzeichen Kassels – dem Herkules  – über die Kaskaden bis hinunter zum Schloss Wilhelmshöhe. Die einzigartige barocke Anlage entstand im ausgehenden 17. Jahrhundert unter Landgraf Carl und wurde im späten 18. Jahrhundert zum romantischen Landschaftspark ausgeformt.

Dass der Bergpark zu Zeiten der Landgrafen auch zum Anbau von Obst und Gemüse und sogar zur Viehaltung genutzt wurde, wissen jedoch die Wenigsten. Für die Blogparade  #SchlossGenuss des  Vereins »Schlössern und Gärten Deutschlands e.V.« werfen wir einen Blick auf diese spannende Seite des Bergparks.

Eine Zeitreise mit Siegfried Hoss,
Leiter der Hauptabteilung Gärten und Gartenarchitekturen

Wie in vielen Schlossparks sollte das Schöne mit dem Nützlichen verbunden werden. Im »Plan vom Weißenstein« aus dem Jahr 1796 ist gut zu sehen, dass nahe dem Schloss Nutzgärten und Obstplantagen angelegt wurden (siehe Abbildung 1). Für exotische Früchte wie Feigen, Ananas oder Weinstöcke wurden Gewächshäuser gebaut. An diesen warmen Orten zog man auch außergewöhnliche Zierpflanzen, die zum Beispiel zur Dekoration von Schlossräumen und herrschaftlichen Tafeln benötigt wurden.

Abb. 1: Nutzflächen für den Obst- und Gemüseanbau im »Plan vom Weißenstein«, Caspar Christoph Schaeffer, 1796, MHK

Auch Tierhaltung war ein Thema im Bergpark : Eine kleine Anzahl von Kühen wurde beispielsweise zur Milchgewinnung und Käseherstellung gehalten. In den Teichen südlich des Schlosses zog man Karpfen, Forellen und Schleie (siehe Abbildung 2). Auch wenn die parkeigenen Nahrungsmittel tatsächlich für die Speisen der Landgrafen verwertet wurden, reichte die Anzahl der Flächen und Tiere wohl kaum für die Versorgung des gesamten Hofes aus. Die Anlagen dienten somit wahrscheinich eher repräsentativen Zwecken und zur Gestaltung des Landschaftsbildes.

Abb.2: Fischteiche im Lageplan »Kassel-Wilhelmshöhe, Bestandsaufnahme« um 1778, MHK

Wer mehr über die ehemaligen Fischteiche im Bergpark Wilhelmshöhe erfahren möchte, kann an einer Sonderführung von Siegfried Hoss zum Welterbetag kommenden Sonntag teilnehmen:

Sonntag, 3. Juni 2018 • 10–11 Uhr
Fisch auf den Tisch

Kostenfreie Parkführung zum Welterbetag
Mit Siegfried Hoss
Treffpunkt: Kasse Schloss Wilhelmshöhe

Heute sind die Fische aus den Teichen verschwunden und von den Hofgärten sind lediglich die Streuobstwiesen geblieben. Die Äpfel aus den landgräflichen Obstwiesen werden aber in höfischer Tradition weiterhin zu Apfelsaft und einem exklusiven Apfelbrand verarbeitet. Beide Produkte, sowie Pflaumenbrand, Birnenbrand und Bergpark-Honig können in ausgewählten Museumsshops der MHK erworben werden.

Wie die Obstbrände den Weg in die Museumsshops finden, erfahren Sie in diesem kleinen Videobeitrag:

Dieser Beitrag und die Führung »Fisch auf den Tisch« sind Teil einer Veranstaltungsreihe zum Europäischen Kulturerbejahr 2018 (ECHY), das unter dem Motto »Zu Tisch! Esskultur in Schlösser und Gärten«

Mit den Augen der Macher: Landesausstellung »Groß gedacht! Groß gemacht?«

In zwei Beiträgen haben wir bereits einen Teil des Teams hinter der Landesausstellung »Groß gedacht! Groß gemacht? Landgraf Carl in Hessen und Europa« vorgestellt. Auch heute folgen wir den Machern zu Objekten, die Ihnen besonders am Herzen liegen und schließen die Beitragsreihe mit…

Bjoern Schirmeier und Dr. Gerd Fenner, Kuratoren und wissenschaftliche Mitarbeiter & Rebecca Giesemann, wissenschaftliche Volontärin

Björn Schirmeier und eine Laterna Magica (um 1700)

Björn Schirmeier: Ich beschäftige mich seit meiner Volontärszeit mit Laternae Magicae.  Dabei handelt es sich um frühe Projektionsgeräte, die schon  um 1650 entwickelt wurden – die ersten Beamer sozusagen. In dem Gehäuse der Laterna Magica brannte ursprünglich eine Kerze, deren Licht durch ein Linsensystem nach außen drang. Dazwischen schob man kleine Bilder, die auf Glas gemalt waren. So wurden teils lustige, teils politische oder moralisierende Bilder im Rahmen von Vorführungen an die Wand geworfen. Solche Präsentationen fanden zum Beispiel im Kunsthaus (dem heutigen Naturkundemuseum) statt und vorstellbar ist, dass  gleichzeitig  Gedichte vorgelesen oder »Schenkelklopfer« zum Besten gegeben wurden.  Für den Landgrafen waren dies gute Gelegenheiten, sich als gebildeten Herrscher zu präsentieren. Die vier ältesten Laternae Magicae der Welt sind übrigens in der Ausstellung zu sehen.

Rebecca Giesemann und die hydrostatische Waage

Rebecca Giesemann: Ich habe mich intensiv mit dem Ingenieur Johann Adam Cass, der von 1719-22 in Kassel weilte, befasst. Die hydrostatische Waage ist eine seiner Erfindungen  und wurde laut Inschrift 1719  in Kassel gebaut. Sie hat eine Funktion, die uns heute ganz normal erscheint: man kann tarieren und so die Gewichte beispielsweise von Münzen miteinander vergleichen ohne die Unterschiede berechnen zu müssen.  Besonders interessant ist das beiliegende Tagebuch, das genau erklärt, wie die Waage funktioniert und wie sie zu benutzen ist.  Cass hat noch mehr Waagen gebaut, zum Bespiel eine zerlegbare Reisewaage. In zeitgenössischen Quellen findet man  auch Anzeigen, in denen er seine Waagen bewirbt und in Kassel über Johann Ernst Elias Bessler (1681–1745) zum Kauf anbietet. Es gab demnach wohl eine Geschäftsbeziehung zwischen Cass und dem Mann, der die Erfindung des Perpetuum Mobile für sich beansprucht. Im Rahmen meiner Forschungen stoße ich immer wieder auf spannende Details oder ganz besondere Verbindungen. Diese Hintergründe machen die Objekte für mich so faszinierend.

Gerd Fenner vor der Phantasiearchitektur von Johann Honore Homagius (ca. 1678-96)

Dr. Gerd Fenner:  Architektur fasziniert mich, weshalb ich vor einem Gemälde stehe, das eine Idealarchitektur zeigt, die nach Landgraf Carls Vorstellungen gezeichnet wurde. Es ist der Entwurf eines reichen Palastes, der auf den Punkt zeigt, wie sich der Landgraf selbst sah, was er anstrebte. In der Mitte steht das Hessische Wappen flankiert von zwei römischen Kaisern, deren antike Herrschaft und Architektur sich Carl zum Vorbild nahm. Genauso tugendreich wollte er regieren, genauso imposant wollte er bauen. Doch viele seiner Projekte blieben eine Vision, sie wurden nie umgesetzt. »Groß gedacht« und nicht »Groß gemacht« eben.

Ein kleiner Hinweis am Rande: Das Gemälde war eine totale Ruine, mit schweren Schäden. Es wurde großartig restauriert… aber das ist ein eigenes, spannendes Thema.

Die documenta geht, die Musik bleibt: Neues in der Neuen Galerie

Zum 14. Mal fand 2017 die documenta als weltweit bedeutendste Ausstellung zeitgenössischer Kunst statt. Zum ersten Mal wurde neben Kassel ein zweiter gleichwertiger Standort bespielt: Athen. Aber egal, wo man sich auf der documenta 14 auch befand, Musik lag nahezu überall in der Luft und zog Besucher in den Bann der Kunst. »Diese besondere Atmosphäre wollten wir unbedingt einfangen und in Kassel dauerhaft erlebbar machen« sagt Elena Pinkwart, die als Volontärin in der Neuen Galerie Ankaufsvorschläge mit ausgewählt hat.  »Schon seit 1982 werden im Anschluss an die documenta Werke für die Sammlung in der Neuen Galerie erworben.  Im letzten Jahr haben wir uns gemeinsam mit der Ankaufkommission schnell für die  Skulpturengruppe Music Room, Athens von Nevin Aladağ entschieden.«

Bild: Nevin Aladağ, Music Room, Athens (Ensemble 3), MHK

Die Arbeiten von Aladağ haben einzigartige und überraschende Momente in den (Welt-)Kunstausstellungen 2017 erzeugt: Eine Wand aus Keramik-Hexagonen im Hessischen Landesmuseum, zu Instrumenten umgebauten Möbel in Athen und eine Videoarbeit und Performance bei der Biennale in Venedig. »Das Musikzimmer hat es uns besonders angetan«, schwärmt Elena Pinkwart. »Nevin Aladağ hat schon mehrere Musikzimmer geschaffen. Sie entstanden immer für einen bestimmten Ort in einem bestimmten Kontext. Bei der Athener Version handelt es sich um Möbel von Athener Trödelmärkten, die die Künstlerin von traditionell arbeitenden griechischen Instrumentenbauern zu bespielbaren Musikinstrumenten umbauen ließ. Die Geschichte hinter den Instrumenten kann man hören. Es wird deutlich, dass Musik immer ein Teil von Kultur ist, die sich stets im Wandel befindet.«

Bild: Nevin Aladağ, Music Room, Athens (Ensemble 3), Table Chimes, MHK

In Athen wurde das Kunstwerk täglich von ortsansässigen Musikern zum Klingen gebracht. In Kassel gibt es nun auch die Gelegenheit die Klangkörper live zu erleben:

Donnerstag, 3. Mai 2018 I 18–18.30 Uhr
Musikalische Performance mit Ji-Youn Song und Olaf Pyras:
Music Room, Athens (Ensemble 3)

Eintritt inkl. Performance: 6/4 Euro
Neue Galerie, Schöne Aussicht 1, 34117 Kassel

Gespielt werden die Instrumente in Kassel von Ji-Youn Song und Olaf Pyras, die Teil des bekannten Kasseler Trio Omphalos sind. Den Musikern fällt sofort auf, dass den Instrumenten ihre griechische Herkunft anzusehen und -zuhören ist. Beherzt spielt Pyras die Milchkännchen-Rassel und trommelt auf einem Kochtopf. Bei Ji-Youn Song  wird die griechische Lyra (ehemals ein Stuhl) zum koreanischen Saiteninstrument. Man kann sich dabei viele Fragen stellen, etwa wie die Identität von einem in ein anderes Land migrieren kann. Was nimmt man mit? Was lässt man dort? Oder man hört einfach zu…

Bild: Nevin Aladağ, Music Room, Athens (Ensemble 3), (v.l.n.r.) Chair Lyra, Pot Timpani, Briki Shaker, Lid Cymbals II, MHK

Wer jetzt schon einmal in die Welt des Musikzimmers lauschen möchte, hört und schaut in den wunderbaren Beitrag  »Kunst mit Küchle: Music Room von Nevin Aladağ« von hr2-Autorin Tanja Küchle.

Mit den Augen der Macher: Landesausstellung »Groß gedacht! Groß gemacht?«

In den kommenden Beiträgen stellen wir das Team hinter der Landesausstellung »Groß gedacht! Groß gemacht? Landgraf Carl in Hessen und Europa« vor. Gemeinsam mit ihnen werfen wir einen Blick in die Ausstellung.

Heute: Delia Scheffer, Kuratorin und wissenschaftliche Mitarbeiterin & Elisabeth Burk, wissenschaftliche Volontärin

Delia Scheffer, wiss. Mitarbeiterin, und der Königsmantel in der Ausstellung »Groß gedacht! Groß gemacht? Landgraf Carl in Hessen und Europa«

Für Delia Scheffer war die Sache klar: Ihr Lieblingsobjekt ist der Königsmantel von Friedrich I. von Schweden, Sohn Landgraf Carls.  Er steht für den Aufstieg des Hauses Hessen und die erfolgreiche Heiratspolitik. Friedrich I. heiratete die Schwester des schwedischen Königs, der bald darauf früh und kinderlos verstarb. Landgraf Friedrich trat an seine Stelle und wurde so erster und einziger hessischer König.

Den Königsmantel ließ er sich extra für seine Dienstgeschäfte im Reichstag, sozusagen als »Alltagsmantel«, anfertigen. Die applizierten Kronen sind kostbarste, aufwändigste Handarbeit, weshalb sie von nachfolgenden Generationen zum Teil abgetrennt und wiederverwendet wurden. Der Mantel ist eine Leihgabe der Rüstkammer in Stockholm und wurde extra für die Landesausstellung restauriert und mit großer Vorsicht in der schrägen Vitrine platziert.

Elisabeth Burk, wiss. Volontärin, und die Büste von Christoph Labhardt

Elisabeth Burk erfreut sich besonders an der Büste einer jungen Frau von Christoph Labhart. Sie ist aus zwei Gründen besonders faszinierend: Zum einen wurde die Büste aus zwei verschiedenen Bernsteinen gefertigt und zum anderen wirkt sie vollplastisch – und das, obwohl sie hinten flach ist.

Christoph Labhart war einer der frühen Künstler am Hofe Landgraf Carls. Warum der Steinschneider nach Kassel kam, darüber gibt es nur Vermutungen. Möglich wäre, dass er von Carls Mäzenatentum angelockt und in Kassel von seiner Persönlichkeit begeistert wurde. Als eine Art Visitenkarte könnte er dieses Bernsteinstück mitgebracht haben.  Oder sie entstand doch erst im Auftrag von Carl?

Die Büste wurde zwischen vielen weiteren Kunstwerken in einem Schrank aufbewahrt, der in Carls Kabinett – einem kleinen »privaten« Raum – stand. Hier hatten nur geladene Gäste und ausgewählte Diener Zutritt, die dafür dann aber die exquisiten und kostbaren Kunstgegenstände bewundern durften.

Mit den Augen der Macher: Landesausstellung »Groß gedacht! Groß gemacht?«

In  den kommenden Beiträgen stellen wir das Team hinter der Landesausstellung »Groß gedacht! Groß gemacht? Landgraf Carl in Hessen und Europa« vor. Gemeinsam mit ihnen werfen wir einen Blick in die Ausstellung.

Heute: Dr. Sebastian Dohe, Kurator und Projektleiter

Eines meiner Lieblingsobjekte in der Ausstellung ist das Gemälde »Landgraf Carl beim Bauer Hoos«, wahrscheinlich weil ich ein persönliches Fable für die Malerei des 19. Jahrhunderts habe. Sie zeigt uns einen wunderbar verklärenden Blick auf Geschichte, den wir als Wissenschaftler heute immer erst einmal auflösen müssen.

Dr. Sebastian Dohe, Kurator der Landesausstellung »Groß gedacht! Groß gemacht! Landgraf Carl in Hessen und Europa« im Fridericianum

Dieses Bild zum Beispiel zeigt Landgraf Carl in einfacher Reisekleidung beim Bauern Hoos. Die Legende besagt, er habe sich beim Reiten verirrt, sei von dem Bauern aufgenommen und bewirtet worden. Der Bauer selbst weiß noch nicht so ganz was er davon halten soll und das kleine Kind wird zum Servieren vorgeschoben. Im Hintergrund sehen wir – so wie es sich das 19. Jahrhundert vorstellte – eine Schwälmer Bauernstube: mit Butzenscheiben in den Fenstern, einer Großmutter bei der Handarbeit, Zinngeschirr usw. Doch jetzt das Faszinierende: Das Gemälde hat nichts mit der Wirklichkeit zu tun, es verklärt die Realität.

Louis Katzenstein, Landgraf Carl beim Bauer Hoos,  1894, Neue Galerie, MHK, Leihgabe Städtische Kunstsammlungen

Landgraf Carl ritt nicht alleine aus! Er war immer in Begleitung, da er oberster Herrscher der Landgrafenschaft war und die dynastische Linie fortführen musste. Außerdem hätte er sich nie mit einen Bauern getroffen und ein Bauer nicht mit ihm, das war keine Denkkategorie: Wer würde heute den Papst im Wohnzimmer bewirten wollen? Die beiden waren nicht beziehungsfähig und eine Unterhaltung wie auf dem Bild zu sehen, wäre wohl kaum möglich gewesen. Wir sehen also hier nicht Carl, sondern eine Inszenierung des Landgrafen genauso, wie sich das 19. Jahrhundert einen Landesvater wünscht: gütig, liebevoll, sich um jeden Einzelnen sorgend.

Ich finde das Gemälde wunderbar, weil es eine ganz eigene, liebevolle Ästhetik hat… und wahrscheinlich auch, weil ich gerne Dekonstruktivist bin.