In zwei Beiträgen haben wir bereits einen Teil des Teams hinter der Landesausstellung »Groß gedacht! Groß gemacht? Landgraf Carl in Hessen und Europa« vorgestellt. Auch heute folgen wir den Machern zu Objekten, die Ihnen besonders am Herzen liegen und schließen die Beitragsreihe mit…
Bjoern Schirmeier und Dr. Gerd Fenner, Kuratoren und wissenschaftliche Mitarbeiter & Rebecca Giesemann, wissenschaftliche Volontärin

Björn Schirmeier: Ich beschäftige mich seit meiner Volontärszeit mit Laternae Magicae. Dabei handelt es sich um frühe Projektionsgeräte, die schon um 1650 entwickelt wurden – die ersten Beamer sozusagen. In dem Gehäuse der Laterna Magica brannte ursprünglich eine Kerze, deren Licht durch ein Linsensystem nach außen drang. Dazwischen schob man kleine Bilder, die auf Glas gemalt waren. So wurden teils lustige, teils politische oder moralisierende Bilder im Rahmen von Vorführungen an die Wand geworfen. Solche Präsentationen fanden zum Beispiel im Kunsthaus (dem heutigen Naturkundemuseum) statt und vorstellbar ist, dass gleichzeitig Gedichte vorgelesen oder »Schenkelklopfer« zum Besten gegeben wurden. Für den Landgrafen waren dies gute Gelegenheiten, sich als gebildeten Herrscher zu präsentieren. Die vier ältesten Laternae Magicae der Welt sind übrigens in der Ausstellung zu sehen.

Rebecca Giesemann: Ich habe mich intensiv mit dem Ingenieur Johann Adam Cass, der von 1719-22 in Kassel weilte, befasst. Die hydrostatische Waage ist eine seiner Erfindungen und wurde laut Inschrift 1719 in Kassel gebaut. Sie hat eine Funktion, die uns heute ganz normal erscheint: man kann tarieren und so die Gewichte beispielsweise von Münzen miteinander vergleichen ohne die Unterschiede berechnen zu müssen. Besonders interessant ist das beiliegende Tagebuch, das genau erklärt, wie die Waage funktioniert und wie sie zu benutzen ist. Cass hat noch mehr Waagen gebaut, zum Bespiel eine zerlegbare Reisewaage. In zeitgenössischen Quellen findet man auch Anzeigen, in denen er seine Waagen bewirbt und in Kassel über Johann Ernst Elias Bessler (1681–1745) zum Kauf anbietet. Es gab demnach wohl eine Geschäftsbeziehung zwischen Cass und dem Mann, der die Erfindung des Perpetuum Mobile für sich beansprucht. Im Rahmen meiner Forschungen stoße ich immer wieder auf spannende Details oder ganz besondere Verbindungen. Diese Hintergründe machen die Objekte für mich so faszinierend.

Dr. Gerd Fenner: Architektur fasziniert mich, weshalb ich vor einem Gemälde stehe, das eine Idealarchitektur zeigt, die nach Landgraf Carls Vorstellungen gezeichnet wurde. Es ist der Entwurf eines reichen Palastes, der auf den Punkt zeigt, wie sich der Landgraf selbst sah, was er anstrebte. In der Mitte steht das Hessische Wappen flankiert von zwei römischen Kaisern, deren antike Herrschaft und Architektur sich Carl zum Vorbild nahm. Genauso tugendreich wollte er regieren, genauso imposant wollte er bauen. Doch viele seiner Projekte blieben eine Vision, sie wurden nie umgesetzt. »Groß gedacht« und nicht »Groß gemacht« eben.
